Weihnachten 2007

(Gal 4,4-7)

Als aber die Zeit erfüllt war...

Im 31. Psalm, der in der Lutherbibel die schöne Überschrift: „In Gottes Händen geborgen“ trägt, betet David ganz eindringlich zu Gott und sagt ihm im 16. Vers: „Meine Zeit steht in deinen Händen.“ Damit bringt er die Souveränität und Herrschaftlichkeit Gottes und seine persönliche Erkenntnis ganz deutlich zum Ausdruck: „Du, Gott, bestimmst darüber, wie lange mein irdisches Leben währt und auch danach bleibe ich in deinen väterlichen Händen geborgen.“ Sicherlich werden wir alle uns auf diese Weise bei Gott gut aufgehoben und in seinen Händen geborgen fühlen.

Und doch gibt es nicht selten Momente in unserem Leben, wo uns Zeitabläufe und auch Zeitpunkte, die glaubensmäßig durchaus in den Bereich göttlicher „Zuständigkeit“ fallen, als zu lang, zu kurz, verspätet, verfrüht oder überhaupt unpassend erscheinen. Der Grund hierfür liegt klar auf der Hand: Unsere menschliche Einschätzung der Dinge ist eben nicht immer deckungsgleich mit der Einschätzung, die Gott hat.
Versuchen wir uns in die gläubigen Juden zu versetzen, denen die Propheten schon seit Jahrhunderten das Erscheinen des gottgesandten Messias angekündigt hatten. Wie werden sie die lange Wartezeit empfunden haben? War sie ihnen schon so lang geworden, dass längst Zweifel an der Verwirklichung der Verheißungen bestanden? War der Gedanke an den kommenden Erlöser ganz unter den Sorgen und Besorgungen des Alltags versunken? Und wie ist es denn mit uns, die wir auf das zweite Kommen unseres Herrn warten? Wie lebendig ist unsere Hoffnung?

Zu allen Zeiten hat Gott souverän gehandelt, und zwar zu seiner Zeit. Wir können mit all den uns umtreibenden Gedanken und Empfindungen getrost unseren Frieden machen: Gott weiß viel besser als wir, wann diese oder jene Zeit erfüllt ist. Bei Licht besehen ist er der einzige, der was weiß. Wie gut ist es, dass Gott, der uns auf unbeschreibliche Weise liebt, der Gedanken des Friedens mit uns hat, der uns glücklich machen und unser Leben gelingen lassen möchte, den einzig richtigen Zeitpunkt zu bestimmen weiß, nämlich den, wenn die Zeit erfüllt ist.

... sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau ...
Gott hält sein Wort, unverbrüchlich und ganz sicher! Im Psalm 33, im 4. Vers sagt der schon im vorigen Abschnitt zitierte David: „Denn des Herrn Wort ist wahrhaftig, und was er zusagt, das hält er gewiss.“ Aber auch hier zeigt sich die Einmaligkeit und Souveränität Gottes: Er handelt nicht nur zu seiner Zeit, sondern auch auf seine ganz besondere Weise. Wer hätte gedacht, dass der Sohn Gottes, der verheißene Retter, als uneheliches Kind einer jungen Frau in einem Stall zur Welt kommt, statt z.B. auf einer goldenen Wolke in den Königspalast einzuschweben oder wie sonst sich die Zeitgenossen Jesu den Auftritt des Welterlösers vorgestellt haben mögen.

Wie ist doch die Gottessohnschaft Christi seither immer wieder Gegenstand kluger und klügster Überlegungen, Theorien und Deutungsversuche gewesen. Ein Mensch, von Gott gezeugt und von einer Frau geboren, wer kann das auch verstehen und erklären? Bei allem verständlichen Bestreben, diesem Geheimnis auf die Schliche zu kommen, bleibt am Ende nur die persönliche Entscheidung, an die Geistzeugung durch Gott zu glauben oder eben nicht. Johannes sagt im ersten Kapitel seines Evangeliums im 14. Vers: „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“ Glaubt jemand jedoch nicht daran, dass Jesus das Fleisch gewordene Wort Gottes ist, denkt jemand, dass Jesus zwar unerhört begabt, ein weiser Prophet aber schließlich doch nur ein Mensch war, wie du und ich, der wird im Grunde auch enorme Probleme mit dem Glauben daran haben, dass es sich hier um den Welterlöser handelt, der von Anfang der Welt war, dem alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben ist, der zum Vater gegangen ist, um den Seinen die ewige Stätte zu bereiten und der wiederkommen wird, um sie zu sich zu nehmen und der am Ende aller Tage als Richter auftreten und dem dann alles untertan sein wird.

... und unter das Gesetz getan ...
Paulus erwähnt hier noch einen anderen wichtigen Aspekt: Jesus ist unter das Gesetz getan. Das bedeutet, dass ihn seine göttliche Herkunft weder von den Forderungen des Gesetzes ausnimmt noch dass er es leichter als alle anderen, ja eigentlich völlig mühelos erfüllen könne und damit über es erhaben wäre.
Betrachten wir die Versuche Satans, Jesus in der Wüste zu verführen, machen wir eine wichtige Entdeckung. Jesus begegnet dem Widersacher mit den Worten des Vaters, mit dem Wort Gottes, das in ihm Fleisch geworden ist. Diesem gewaltigen Wort ist der Versucher nicht gewachsen. Wie schwer der ausgefochtene Kampf und die dabei aufgewendete Kraft jedoch gewesen sein mögen, kann man vielleicht ein wenig erahnen, achtet man auf die Bemerkung, die die Versuchungsgeschichte abschließt: Engel kamen und dienten Jesus.
Jesus hält diese Schuldlosigkeit sein Leben lang durch. Die Anläufe, denen er standhalten musste, erschöpfen sich ja nicht in der geschilderten Begegnung mit Satan in der Wüste. Wie mögen Boshaftigkeit und Verlogenheit, Ignoranz und Überheblichkeit der Menschen die Liebe des Herrn angefochten haben. Den Gipfelpunkt dieses Kampfes erleben wir im Garten Gethsemane mit, wo Jesus Wasser und Blut schwitzt.

Ein gewaltiger Sieg ist errungen, als er alles an dem Willen des Vaters festmacht und schließlich am Kreuz seine Mission vollendet.
... damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöst,. ...
Gott hat einen Heilsplan mit uns Menschen. Das hat er schon am Anfang verheißen und das hält er ein. Jesus, so sagt Apostel Paulus es uns hier, ist deshalb unter das Gesetz getan, damit er uns, die wir alle unter dem Gesetz waren und an ihm durch unsere Schuld auf tödliche Weise gescheitert sind, durch seine Sündlosigkeit erlöste. Er hat mit seinem Tod unsere Schuld bezahlt. Er hat sie mit ans Kreuz genommen. Er ist der einzige, der sie aus der Welt schaffen und uns damit ein ganz neues Leben erwirken kann. Diese Formulierung will uns darauf hinweisen, dass es unser Glaube an den Erlöser ist, der dessen Erlösungstat für uns wirksam macht.

In 1 Kor 6,1 mahnt Paulus, dass die Gläubigen nur ja darauf achten sollen, dass sie die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangen. Er weiß genau, wie schnell das geht. Er zitiert im zweiten Vers Jesaja 49,8: „Ich habe dich zur Zeit der Gnade erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen.“ und fügt hinzu: „Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“ Es ist interessant, wie auch hier wieder der Hinweis darauf Gewicht bekommt, dass es eine Zeit der Gnade und des Heils gibt, die jetzt und hier angebrochen ist. Nutzen wir sie mit aller Kraft des Glaubens!

... damit wir die Kindschaft empfingen.
Jetzt gehen die Überlegungen des Paulus noch einen entscheidenden Schritt weiter. Der Apostel stellt den Gipfelpunkt göttlichen Heilshandelns vor unser Auge: Wir werden durch die Gnade des Herrn aus der Knechtschaft der Sünde erlöst, von dem uns verklagenden Gesetz befreit und zu Kindern Gottes gemacht. Was für eine Tat! Und sogleich führt er aus, was das für den einzelnen Menschen bedeutet. Weil wir Kinder sind, hat Gott uns den Geist seines Sohnes in die Herzen gesandt. Und dieser Geist ruft Gott mit ganz zärtlichen und liebevollen Worten an: Abba, lieber Vater!

Und dann kommt der gewaltige Schluss: „So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind; wenn aber Kind, dann auch Erbe durch Gott.“ Wenn wir das doch so ganz und völlig verinnerlichen würden! Wir würden gar nicht anders können, als in einer hellen Freude anderen von dieser Heilsmöglichkeit zu erzählen, sie einzuladen zu diesem Herrn. Teilhaber des gloriosen Sieges Christi, seine Miterben und Gottes Hausgenossen sein zu dürfen, das ist die frohe Kunde, die seit dem ersten Weihnachtsfest auf dem Weg zu Menschenherzen ist.
Wie richtig ist es, dass das Fest der Weihnacht ein Fest voller Licht und Freude ist. Gott hat seinen Sohn gesandt, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Dieser Kernsatz des Evangeliums (Joh 3,16) zeugt von der wunderbaren Liebe Gottes, die im weihnachtlichen Geschehen wie ein großes Licht aufleuchtet. Matthäus sagt (Mt 4,16): „ ... das Volk, das in Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen; und denen, die saßen am Ort und im Schatten des Todes, ist ein Licht aufgegangen.“
Ich wünsche uns, dass in unseren Herzen das große Licht der alles überstrahlenden Liebe Gottes in Jesus Christus, seinem Sohn, aufgehen und unser Leben lang nicht mehr ausgehen möge.

Wilfried Baron

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