Liebe Leser!

Das Kirchenjahr geht mit dieser Heroldausgabe zu Ende. Die Schwerpunktthemen Busstag und Ewigkeitssonntag weisen unabdingbar auf die Endlichkeit unseres irdischen Daseins hin.
Der Pietist Gerhard Tersteegen besaß eine positive Einstellung zum Tode, die an Sehnsucht grenzte. Er sagte einmal in seinen Erweckungsreden: »Wenn ein Frommer (ein gläubiger Mensch) stirbt, da sollen wir nicht sagen: er ist gestorben, sondern da sollen wir sagen: er ist gen Himmel gefahren, er hat Himmelfahrtstag gehalten.« Und in einem seiner Briefe hat er geschrieben, dass die Kinder Gottes drei Geburtstage haben. Am ersten Geburtstag kommen sie auf diese Welt und durch den zweiten (Taufe) werden sie stufenweise aus dem finstern Naturstand in das Licht der Gnade versetzt. Als dritten Geburtstag betrachtet Tersteegen, wie die alten Märtyrer, den Tod, welcher »Gottes Kinder aus dieser bangen Welt erlöst, aus dem engen Gefängnis dieses Leibes der Demütigung und aus allem Druck und aller Seelengefahr, da sie recht fröhlich versetzt werden in die Weite der lieben, süssen Ewigkeit. Zwar geht es auch bei dieser letzten Geburt oft sehr unansehnlich und bedrängt her, dass das Gnadenkind wohl gar auch ächzen und weinen muss, bis es durchkommt, aber alles zu seinem Besten.«
Diese Schilderungen erinnern mich immer wieder an die Metamorphose, die wunderbare Verwandlung der Raupe zum Schmetterling. Wenn die Zeit des Schädlings (Raupe) oder in biblischer Terminologie, des Sünders, gekommen ist, zieht er sich an einen geschützten Platz zurück und beginnt mit der Verpuppung. Das meist unansehnliche Kokon wird als ausgetrocknete, dürre Hülle wahrgenommen, als tote Materie. Doch nach einigen Monaten scheinbarer, äusserer Leblosigkeit kommt Bewegung, neues Leben in diese »Ruine«. Plötzlich springt sie auf - und ein ganz neues Wesen mit Flügeln, ein Schmetterling, ein Nützling, fliegt in eine bisher nicht gekannte Dimension der Lüfte auf und davon! Wenn unser Schöpfer diese wunderbare Verwandlung einem so niedrigen Lebewesen bereitet, wie viel mehr Dir, Du Krone der Schöpfung?
So dürfen wir mit ruhiger Gelassenheit, grossem Interesse und freudiger Erwartung unserer Verwandlung harren. In diesem Sinn wünsche ich Euch eine fröhliche und lichtvolle Adventszeit.

Walter Baltisberger

Ausgabe