Eine stille, heilige Nacht

Auch wenn es erst Mitte November ist, kreisen die Gedanken immer mehr um das Weihnachtsfest, die Advents- und Weihnachtszeit. Soweit es die Zeit zulässt, stöbert man vielleicht in Büchern herum, hört sich vielleicht schon etwas weihnachtliche Musik an oder macht sich wie ich, Gedanken darüber, was im Gemeindeblatt für Dezember geschrieben werden kann. Dabei stieß ich auf folgende Geschichte.

Eine alte Legende erzählt: Als die heilige Nacht sich auf die Erde herabsenkte, war es die dunkelste Nacht, die man je gesehen hatte. Die Flüsse hielten in ihrem Lauf inne, die Wellen schlugen nicht mehr an den Strand, kein Lüftchen regte sich. Die ganze Natur stand regungs-los, um die heilige Nacht nicht zu stören.

Es geschah in unseren Tagen, dass der elektrische Strom in der heiligen Nacht ausblieb. Es war ein grandioses Schauspiel, als es Nacht wurde im Jahrhundert des Lichts. Die Straßenbe-leuchtung mit ihren unzähligen Lichterketten erlosch und mit ihr die tausend künstlichen Kerzen. Die Neonfluten hauchten ihre Seelen aus und die verlöschenden Verkehrszeichen legten den Verkehr lahm. Die Weihnachtsbäume auf den Plätzen standen ohne Flimmer wie im Walde draußen. Die Kirchenglocken hatten zur Feier eingeladen. Sie klangen aus und schwangen nicht mehr.

Nur die alte Notglocke hing mit einem Seil versehen im Turm. Der Küster tastete sich zu ihr und ihr schlichter Ton zeigte an, dass hier der Geburt des Herrn gedacht wurde. Dunkel war es in der Kirche, keiner sah den teuren Mantel des anderen. Nur die Kerzen auf dem Altar leuchteten. Die Orgel blieb stumm. Gesangbücher konnten nicht gelesen werden. Konnte man „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ anstimmen? Wer wusste mehr als die erste Strophe, wer konnte vom Inhalt der großen Freude singen und sagen? Der Kirchenchor sah vergeblich auf die Noten der vielgeübten Hymnen. Es war Nacht, dunkle, heilige Nacht.

In dieser Nacht tasteten sich die Menschen nach Hause, sie hielten sich fest, fassten sich un-ter, sie gehörten zusammen. Nur die Sterne leuchteten ihnen und erinnerten sie an den Stern von Bethlehem.
Auch zuhause war es still und dunkel wie nie zuvor. Der Fernsehapparat blieb eine dunkle Röhre und kein Lautsprecher machte Geräusche, Musik und Unterhaltung.

Sie zündeten die Kerzen ihres Christbaumes an und jetzt strahlte er auf, wie nur ein Licht strahlen kann in einer echten Finsternis. Die Kinder jubelten, so etwas hatten sie noch nicht erlebt, und die Älteren dachten an ihre einfache Jugendzeit zurück.

Aber man kann doch nicht still im Sessel sitzen und in das Licht von Kerzen starren!
„Stellt doch mal den Fernseher an.“ - „Es ist kein Strom da!“ - „Legt eine CD ein!“ - „Das geht nicht.“ - „ Kinder, lasst die Autorennbahn laufen.“ - Auch das funktionierte nicht.

Und so saßen sie dicht zusammen in dieser Nacht, in der alles still stand und alles weggefal-len war, was die Heilige Nacht hätte stören können. Die Kerzen brannten hinunter, und sie erzählten sich, wie es früher war, als wirkliche Weihnachten war, beinahe wie jetzt.

Und die letzte Kerze fand mit ihrem Licht die Krippe, in der jenes Kind lag, dessen Geburt zu feiern man eigentlich zusammengekommen war.

Jenes Kind, das damals gelegen hatte in der großen Stille, in der tiefen Dunkelheit der Nacht.
Soweit die Legende. Ich wünsche uns sicher keinen Stromausfall zu Weihnachten, aber ein wenig mehr Rückbesinnung, auf das, was Weihnachten wirklich ausmacht.

In diesem Sinne eine besinnliche Advent- und eine gesegnete Weihnachtszeit
Siegfried Amann

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