Preis und Anbetung sei unserm Gott

Marias Lobgesang

„Und Maria sprach: Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.
Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist.
Und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht bei denen, die ihn fürchten.
Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.
Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.

Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf, wie er geredet hat zu unsern Vätern, Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit.“
Lukas 1,46-55

Die vier Adventsonntage deuten es an: Weihnachten hatte einen langen Weg. Dieser Weg fing schon an, als noch Adam und Eva im Paradies waren. Der Sündenfall und das sich anschließende Gericht als Folge der Sünde blieben nicht ohne Verheißung und Hoffnung: „Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.“ (1. Mos 3,15) Seitdem warteten die Menschen auf den Erlöser.

Dem großen, wunderbaren und weltbewegenden Ereignis in Bethlehem, der Geburt des Heilands, gingen über die vielen tausend Jahre viele Hinweise unseres Gottes und Ereignisse voraus. Am dichtesten wurden diese in der letzten Zeit vor der weltbewegenden Geburt. Sie geschahen in der Stille, ohne großes Aufhebens, im direkten Gegenüber mit Gott selbst oder seinen Boten.

Da waren diese zwei geheimnisvollen Engelbotschaften. Eine galt dem Priester Zacharias, der nach der Ordnung den Dienst im Tempel versah. Die Botschaft war, seine Frau wird einen Sohn gebären, den er Johannes nennen soll. ... Und dieser Sohn würde vor IHM – dem erwarteten Erlöser – hergehen (Lk 1,8-20).

Die andere Botschaft wurde an Maria gerichtet (Lk 1,31-33): „Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben. Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.“

Das waren alle menschliche Vernunft übersteigende, unfassbare Botschaften, mit deren Verständnis wir noch heute unsere Schwierigkeiten haben. Und auch beide, sowohl Zacharias als auch Maria, hatten ihre liebe Not, die Botschaft anzunehmen. Der Verständnisknoten löst sich nur auf mit Blick auf den allmächtigen und schaffenden Gott. Hier erzeigt sich auch die besondere Demut und der Glaube einer Maria, die sich in den Worten „... mit geschehe, wie du gesagt hast“ ausdrückt.

Infolge der Begegnung mit Elisabeth, der Frau des Zacharias, brach es aus Maria förmlich hervor – ihr Lobgesang. Mit dem Lobgesang der Maria beginnen die Lobgesänge des Neuen Testaments. Es sind die vier Lobgesänge, die sich um die Geburt des Heilands herum ranken:

1. Magnifikat – der Lobgesang der Maria (Lk 1,46-55),
2. Benedictus – der Lobgesang des Zacharias (Lk 1,68-79),
3. Gloria in excelsis – der Lobgesang der Engel (Lk 2,14) und
4. Nunc dimittis – der Lobgesang des Simeons (Lk 2,29-32).

Wir wollen uns aber hier nur mit dem Lobgesang der Maria beschäftigen.
Schon mit den ersten Worten „Meine Seele erhebt den Herrn, ...“ erhalten wir den Schlüssel zum Verständnis des gesamten Lobgesangs, nämlich: der Herr ist groß! Marias Herz ist übervoll und es drängt sie, sich mitzuteilen. Ein Mensch, der solches sagt, anerkennt Gott und ehrt ihn; er öffnet sich für Gott und gibt sich ihm hin mit seinem ganzen Sein, Denken, Fühlen und Wollen und wird von Gott reden Tag und Nacht.

Weder ein noch so bedeutender Mensch ist groß zu nennen noch die Maria in ihrem hingebungsvollen Glauben. Wahrhaftig, Gott allein ist groß und allmächtig und herrlich, weil ER so große Dinge tut und aus dem Nichts etwas schafft (Ps 19,2).

Durch Gottes Barmherzigkeit darf Maria Großes erleben, denn Gott hat sie erwählt zum Mutterdienst. Sie ist erschrocken darüber, aber auch gleichsam glücklich – ohne irgendeinen Anspruch auf eine besondere Stellung. Der Glaube verschaffte ihr Freiheit, Freiheit vom Ich (wie stehe ich nun da?) und von allem Selbstmitleid; denn sie hätte aufgrund ihrer Lage gesteinigt werden können. D.h., Maria bleibt demütig vor ihrem Gott, und wird dennoch gepriesen! Gott bereitet sich Menschen zu.

„... und mein Geist erfreut sich Gottes meines Heilandes, ...“ In einer anderen Übersetzung heißt es: „Mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter!“ Wir spüren, an dem Lobgesang ist der ganze Mensch beteiligt: Leib und Seele und Geist. Eben nicht so, wie es Gott oft beklagt hat, weil sein Volk ihn nur mit den Lippen ehrt, das Herz der Menschen jedoch von ihm weit abgekehrt ist. Maria stellt mit ihrem Lobgesang Gott und sein Wort in die Mitte ihres Lebens. ER ist ihr Heiland und Retter. Wie sie Gott benennt, ist der Name unseres Herrn Jesus geworden. Bedeutet doch der Name Jesus soviel wie Seligmacher, d.h., einer, der sein Volk errettet von seinen Sünden.
Der Glaube befreite Maria zu einem großartigen Dank und Lobpreis. Dafür gebrauchte sie kaum eigene Worte. Sie betet, lobt und singt mit den Worten der Heiligen Schrift, in der sie lebte. Es erinnert an den Lobgesang der Hanna (1. Samuel 2,1-10) und an die Psalmen.

Wir haben auch Grund zum Lobpreis und zur Anbetung, weil uns Jesus durch Gottes Gnade und Barmherzigkeit zum Heiland, Retter, Erlöser und zum Herrn unseres Lebens wurde. Er hat uns befreit aus der Sünde, aus dem Anrecht des Teufels, vom Tod zum Leben befreit. Mehr noch, durch ihn ist wieder der Zugang zum Paradies – Gottes ewigen Reich – geöffnet worden. – Vorgebildet in der Auferstehung und Himmelfahrt Jesu Christi. Die Errettungstat hat in Bethlehem begonnen und wurde am Kreuz von Golgatha vollendet.

Wo bleibt nun unser Lobpreis, unsere Anbetung? Hier gilt uns auch, was Jesus einmal sagte, wenn sie schweigen, werden die Steine schreiben. Und wer nicht auf Gott schaut, wird an den Geschehnissen des Alltags verzweifeln und sich ängstigen. Die beispielhafte Gewissheit und Geborgenheit einer Maria kann uns zu einer getrosten Zukunft verhelfen im Vertrauen auf Gottes Wort. Zwar sind noch die Mächtigen da, aber auch der Sieg Gottes in Jesus Christus unserem Herrn über Welt, Hölle, Tod und Teufel.

Es wäre für uns hilf- und segensreich, könnten wir uns durch den Lobgesang der Maria und den Blick auf Gott als unseren Vater auf das Weihnachtsfest, bei dem wir die Geburt des Herrn feiern, einstimmen lassen.

Viktor Raus

Ausgabe