Leitbild I

Wir wollen
(Psalm 40,9)

Wenn wir die Inhalte unseres Leitbildes damit verbinden, dass wir unseren eigenen Willen hier einbringen und sagen: „Wir wollen Gemeinde bauen“, dann stellt sich natürlich eine Fülle von Fragen. Wessen Wille ist hier gemeint? Wie beständig ist denn das eigene Wollen? Wie frei oder beeinflussbar ist unser Wille? Inwieweit können wir uns darauf verlassen, ob eine Willensäußerung beständig ist. Oder müssen wir davon ausgehen, dass sie unbeständig ist, heute so und morgen anders? Darf uns denn überhaupt jemand sagen, was wir wollen sol-len? Haben wir nicht einen freien Willen?

Dieses Leitbild ist von den Aposteln der Apostolischen Gemeinschaft formuliert worden. Es ist also in erster Linie das Leitbild der Apostel. Wir haben es aber bewusst als ein Leitbild für die Apostolische Gemeinschaft formuliert, weil wir davon ausgehen, dass sich immer mehr Schwestern und Brüder dieses Leitbild zu eigen machen. Aus der Formulierung ist auch erkennbar, dass wir nur durch eine persönliche Willensentscheidung ein solches Leitbild umsetzen können. Sonst bleiben alle Formulierungen nur Schall und Rauch.

Ein Leitbild ist keineswegs so zu betrachten wie die Bibel, sondern es ist durchaus menschlich, ist also veränderbar, muss an der Bibel prüfbar sein und kann auch für bestimmte Gruppen oder bestimmte Zeiträume neu formuliert werden. Doch auch ohne eine solche Formulierung sind wir nicht der Frage enthoben, worauf wir uns in unserem Dienst konzentrieren, also was wir denn wollen. Unser eigener Wille spielt eine deutlich größere Rolle, als wir vielleicht glauben.

Als Gott mit Israel am Sinai den Bund schloss, war das Volk so beeindruckt, dass es sofort zustimmte. Dreimal wird uns diese Zustimmung bezeugt. Das Volk rief: Wir wollen alles tun, was der HERR sagt (2Mos 19,8; 24,3.7). Nur kurze Zeit später, als Mose ihnen zulange auf dem Berge blieb, hatten sie diesen Willen verworfen und umtanzten einen Götzen, das goldene Kalb.

Als Israel an der Grenze zum Lande Kanaan Angst bekam, in das verheißene Land zu ziehen und wütend und verzweifelt wieder zurück nach Ägypten wollte, sprach Gott zu Mose: Wie lange wollen sie nicht an mich glauben trotz all der Zeichen, die ich unter ihnen getan habe? (4Mos 14,11).

Da der eigene Wille eine verlässliche Basis als Orientierung braucht, gilt es immer, eine solche Basis für die bewusst, also willentlich getroffene Entscheidung zu finden. David bringt es auf den Punkt, indem er seinen Willen in den Willen Gottes einbettet und betet: Deinen Willen, mein Gott, tue ich gern (Ps 40,9).

Eine der ergreifendsten und deutlichsten Aussagen der Willensbekundung für die Herrschaft Gottes ist die Selbstverpflichtung der aus der babylonischen Gefangenschaft zurückgekehrten Israeliten unter Esra und Nehemia. Nachdem die Stadtmauer Jerusalems wieder aufgebaut war, las Esra dem Volk das Gesetz vor. Als das Volk das hörte, weinte es, denn es war erschüttert. Die Leviten beteten ein langes Bußgebet. Sie lobten Gott, bekannten die Sünde ihres Volkes und benannten die entstandene Not. Schließlich formulierten sie eine Verpflichtung und legten einen heiligen Eid ab (Neh 10). In der Übersetzung nach Martin Luther finden wir zehnmal die Formulierung ‚wir wollen’. Andere Übersetzungen formulieren ‚wir werden’ oder nennen wechselweise ‚wir wollen’ und ‚wir werden’ oder stellen den einzelnen Verpflichtungen insgesamt voran, dass die Israeliten unter Eid und Schwur gelobten, alle Gesetze und Ordnungen, Rechte und Satzungen Gottes zu halten und zu tun (Neh 10,30). Voraussetzung für diese Willensentscheidung war die Kenntnis der Gesetze Gottes.
Wie schwierig es sein kann, den eigenen Willen konsequent durchzuhalten, zeigt auch das Ringen des Apostels Paulus. Er lässt uns wissen, dass unser Wollen von gegensätzlichen Kräften beeinflusst wird, sowohl von der Herrschaft der Sünde als auch von der Herrschaft des Heiligen Geistes (Röm 7,18-25). So ist es für unsere Willensbildung entscheidend, welcher Herrschaft wir uns bewusst unterstellen.

Es ließen sich viele Beispiele finden, wo menschlicher Wille versagt oder statt als Bestätigung als Verweigerung demonstriert wird, wo es an klarem Bekenntnis und klarer Entscheidung mangelt und so ein ständiges Hin und Her bis zu schrecklicher Willkür ertragen werden muss. Gott erwartete von Israel ein willentliches Ja zu seinen Geboten und Verheißungen. Jesus Christus erwartet von seinen Jüngerinnen und Jüngern ein willentliches Ja, ihm zu folgen und sein Evangelium zu leben und zu verkündigen.

Als Grundlage für unsere willentliche Entscheidung zum Gemeindebau dient die Kenntnis davon, was denn Gemeinde Jesu Christi überhaupt ist. Es ist die Gemeinschaft all derer, die auf unterschiedlichste Weise den Heilandsruf gehört und angenommen haben, also von Jesus Christus selbst in das Bündnis des Heils hineingenommen wurden. Damit haben wir es nicht mit persönlichen Ideen, sondern mit göttlichem Leben zu tun. Unsere Kenntnis über das We-sen der Gemeinde Jesu Christi sollten wir ständig erweitern.

In Kenntnis dieses göttlichen Lebens sind wir nicht automatisch Gemeindebauer. Es wird uns abverlangt, dass wir uns vor Gott und den Mitmenschen eindeutig entscheiden. Wenn wir uns dann bewusst für göttliches Leben entscheiden, entscheiden wir uns zugleich gegen ungöttliche, lebenszerstörende Praktiken und Lebenshaltungen. Zu diesem nüchternen Satz gibt es eine Vielzahl streitbarer Positionen. Denken wir nur auf dem Büchermarkt an solche Kampfti-tel wie „Sie wissen nicht, was sie glauben“ und „Sie glauben nicht, was sie wissen“ oder „Der Gotteswahn“ und „Der Atheismuswahn“. Es darf uns nicht erschüttern, dass uns an allen Enden widersprochen wird.

Wie aber ist die Situation der Gemeinde Jesu Christi? Ist die Wahrnehmung richtig, dass wir kaum um die Offenbarung der Herrlichkeit des Herrn beten, wohl aber z.B. darum, dass der Sonntagsbraten nicht verbrennt, die Kirche geheizt ist, niemand unangenehme Fragen stellt und der verlorene Schlüssel wiedergefunden wird? Für die tausend Alltäglichkeiten dürfen wir selbstverständlich gerne beten. Es kostet Gott ein Schmunzeln, uns liebevoll aus den klei-nen Nöten zu helfen. Aber die Gewichte – wie sind die Gewichte verteilt? Für die tausend Alltäglichkeiten dürfen wir ruhig einige „Hundert Gramm“ auflegen, vielleicht auch mal ein paar „Kilo“. Aber für die Offenbarung der Herrlichkeit des Herrn sollten wir gemeinsam die „Zentner“ auf Gottes „Waage“ schleppen, damit uns entsprechend aufgewogen wird. Immer und immer wieder sollten wir beten und ringen um Bekehrung, um Wesensveränderung von Menschen, um Versöhnung, um Heilung, um das Herausreißen aus Existenzängsten, um Erkenntnis der göttlichen Lebensregeln, um die Offenbarung der Geistesgaben, besonders der göttlichen Liebe im Verhältnis einzelner Menschen wie im Verhältnis der Völker zueinander ... und, und, und! Aber dafür ist unsere Entscheidung nötig. Wir müssen es wollen – wollen – wollen! Denn wenn wir das nicht wollen, können wir uns alle anderen Aktivitäten sparen. Dann wird sich geistliches Leben nicht entfalten können.
Wenn wir im Rahmen der Gemeinde eine Willensentscheidung erfragen oder selbst abgeben, sei es bei einer Segenshandlung (z.B. Konfirmation, Trauung, Ordination) oder bei einer Sakramentsfeier (Taufe, Versiegelung), dann wollen wir uns im Vorfeld stärker bewusst machen als bisher, ob wir eine ausreichende Basis haben, auf deren Grundlage wir uns entscheiden können. Erst wenn diese Voraussetzung gegeben ist, wird die Entscheidung reif. Unsere Entscheidung kann auch die Erneuerung eines heiligen Gelöbnisses sein: Herr, wir wollen dir folgen, wir wollen lieben wie du, wir wollen dienen wie du. Wir wollen an deiner Gemeinde bauen. Offenbare uns deine Herrlichkeit. Amen.

Matthias Knauth

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