Leitbild II

„… erweckt und angeleitet durch den Heiligen Geist bauen …“

Die Aussagen des Leitbilds „… erweckt und angeleitet durch den Heiligen Geist bauen …“ sollen durch die Auslegung des Wortes aus Römer 12,11: „Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn.“, erläutert werden.

1. Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt.

Rein physikalisch unterliegt alles auf der Erde dem sogenannten Trägheitsgesetz (1. Newtonsches Gesetz), das da heißt: „Ein Körper verharrt in Ruhe oder in gradliniger Bewegung, solange keine äußere Kraft auf ihn wirkt.“ oder: „Ursache jeder Beschleunigung ist eine äußere Kraft.“

Es scheint, der Mensch unterliegt in seiner Lebensgestaltung irgendwie auch diesem Trägheitsgesetz. Was treibt ihn also an, sein Leben zu gestalten? oder: Was gibt ihm die Motivation, in bestimmter Weise zu handeln?
Steigen wir ein ins pralle Leben. Da sind zu nennen:

- Der Selbsterhaltungstrieb
Dieser Trieb umschreibt den Kampf ums nackte Überleben, der oft ungeahnte Kräfte in einem Menschen freisetzt.
- Anreize wie Geld, Ansehen, Macht
Sie haben bei vielen Menschen eine „sinnliche“ Note und treiben an zu ganzem Einsatz der eigenen Leistungsfähigkeit.
- Gruppendynamische Prozesse
Man will nicht schlechter sein als andere, sondern eher besser.
- … die Reihe der Aufzählung könnte man sehr detailliert fortsetzen.

Auf der anderen Seite erleben wir Menschen, denen jeglicher Antrieb fehlt, die keinen Sinn in auch nur einer Anstrengung sehen. Wir sagen, sie sind gescheitert, lebensuntüchtig – böse ausgedrückt: Sie liegen uns auf der „Tasche“ – depressive Menschen, die nichts mehr bewegt.

Was treibt an, die in einem steckende Trägheit zu überwinden?
Aus dem Arbeitsprozess und dem Wirtschaftsleben kennen wir die Begriffe von „Ist“ und „Soll“. Menschen im Arbeitsprozess schließen mit einem Unternehmen einen Vertrag, worin die Arbeitskraft zu einem ausgehandelten Betrag „verkauft“ wird und der Unternehmer eine fest umrissene Leistung dafür verlangt. Beschreiben wir dies mal als „Soll“. Daran wird sich der Arbeitnehmer immer messen lassen müssen. Und kommt er auf Dauer dem Anspruch des Solls nicht nach, wird er bald seinen Arbeitsplatz verlieren.

Die Angst um den Verlust des Arbeitsplatzes und damit der Existenz kann eine ungeheuere Antriebskraft sein.

Diese Gedanken nur vorweg, um einen kleinen Einblick zu dem zu gewinnen, was uns alles antreiben kann. Die so sehr wichtige Frage, die uns aus der Sicht des Glaubens und von unserem Platz in der Gemeinde bewegt, ist auch die: Was treibt uns an? Was motiviert uns?

Wenn Apostel Paulus schreibt, nicht in dem träge zu sein, was wir tun sollen, dann setzt er voraus, dass wir genau das wissen. Das Wort aus Micha 6,8: „Es ist dir gesagt Mensch, … was Gott von dir fordert …“ unterstreicht nur die Aussage von Paulus.

Versuchen wir, es auf den Nenner zu bringen. Jesus spricht als gebündelte Forderung des Gesetzes davon, Gott mit allen seinen Kräften zu lieben und seinen Nächsten wie sich selbst. In kritischer Selbstbetrachtung kommt man nicht umhin zu bekennen, dass wir doch sehr selbstverliebt sind. Es ist uns oft so wichtig, wie wir dastehen in der Gemeinde, wie viel Sympathien uns entgegenschlagen, …

Des Weiteren bittet Jesus den Vater inständig, dass sie alle eins seien, damit die Welt glaube (Joh 17,21). Eins zu sein im Glauben an ihn als den Herrn, eins zu sein in der Wahrnehmung des Auftrags, den der Herr ihnen gegeben hat, Menschen das Evangelium zu sagen, eins zu sein im Bekenntnis vor der Welt. Vorbehaltlos auf der Seite der Schwachen, Hilflosen, … zu stehen, das Recht zu beachten, Barmherzigkeit zu üben, ist ebenso der Wille des Herrn an uns (Mk 12,40; Mt 23,23).

Was treibt uns an im Glauben und in der Gemeinde? Es fällt in dieser Zeit schwer, darauf eine Antwort oder dafür ein Beispiel zu geben. Die Güte und Barmherzigkeit unseres Gottes können wir gar nicht hoch genug einschätzen, weil ER es ist, der alle Kraft und Antrieb gibt durch den Heiligen Geist (Joh 15,5), den ER ausgegossen hat und wir empfangen können, wenn wir IHN lieb haben und seinem Wort gehorsam sind (Joh 14,15; Apg 5,32).

Ohne IHN reiben wir uns auf, unsere Kräfte sind bald am Ende. Es braucht nicht viel, das Leben aus Gott zu verlieren – allein wenn wir es vernachlässigen, die Beziehung zu IHM, unserem Vater, zu pflegen. Der Gottesdienstbesuch wird lästig, das Lesen im Wort Gottes (Bibel) ist zu mühselig, für das Gebet (reden mit Gott und hören auf sein Wort) bleibt keine Zeit. Orientieren wir uns ganz an und auf IHN. Und: sich regen, bringt Segen.

Wir können schon anhand dieser Aussagen den Soll-/Ist-Vergleich für uns anstellen. Wir stecken leider tief im Defizit, weit vom Soll entfernt.
2. Seid brennend im Geist.

Vor einiger Zeit habe ich einen Artikel gelesen, der sich mit dem Christentum, dem Islam und anderen Ideologien auseinander setzte mit dem Ergebnis, das Christentum sei nur noch eine „kalte“ Religion. Denn die modernen Gesellschaften des Westens hätten Gott abgeschafft (Gott-Ist-Tot-Theologie). Die Auseinandersetzung mit dem Islam als „heiße“ Religion hat nun eine neue Debatte über den „einen Gott“ entfacht.

Wir Christen fragen häufig nach der Rentabilität des Glaubens. Was bringt mir der Glaube ein? Oder: Was habe ich davon, wenn ich glaube? Die Folge davon ist, dass Gesundheit über den Glauben gestellt wird, es um den Erfolg in Ausbildung und Beruf sowie um Wohlergehen überhaupt geht. Die Belastbarkeit des Glaubens an den Herrn Jesus Christus hat Grenzen. Da sind wir weit entfernt von dem Bekennermut, den die Bibel beschreibt.

Durch Überlieferung und Berichte erfahren wir etwas davon, dass es unter den Menschen, die Christus als ihren Herrn angenommen haben, nach wie vor solche gibt, die bereit sind für diesen Herrn in den Tod zu gehen. Da spürt man etwas von „heiß“ oder „brennend“. Wem von uns würde das einfallen? Bei solchen Menschen erahnen wir etwas davon, wenn Jesus sagt, ihr seid zwar in der Welt, aber nicht von der Welt. Jesus will damit sagen, nicht diese Welt ist die Heimat derer, die ihm angehören, sondern der Himmel.

Apostel Kuhlen hat in dem Jugendgottesdienst 1956 der versammelten Jugend zugerufen: „Wer nicht bereit ist, für Jesus Spott und Hohn und Verfolgung auf sich zu nehmen, ist seiner nicht wert!“ Mit diesem Satz hat er deutlich gemacht, was es auch bedeuten kann, brennend im Geist zu sein. Feuer und Flamme sein für den Herrn, da haben Feigheit und Bequemlichkeit (Trägheit) keinen Platz, sondern da steht die Bereitschaft zur Hingabe an den Herrn an der ersten Stelle. Ich bin mir bewusst, die „Latte“ liegt sehr hoch.

Auch hier gilt, du und ich müssen uns nicht verheizen, sondern Gott bietet im Heiligen Geist alle nur erdenklichen Energien an, die uns zu brennenden Nachfolgern Christi machen. Durch diesen Heiligen Geist wissen wir, dass uns Jesus durch sein Opfer am Kreuz und seine Auferstehung ewiges Leben erworben hat. Dadurch werden wir nicht lebensfeindlich, tragen aber eine große Sehnsucht in uns, in ewiger Gemeinschaft mit IHM zu leben.

3. Dient dem Herrn.

Damit wir Gott und anderen Menschen dienen können, muss die uns eigene Trägheit überwunden werden und wir müssen uns vom Heiligen Geist entzünden lassen. Dienen fordert uns in Zeit, Kraft, Kreativität, Geld, Opfer …
Der erste große Dienst, den wir für Gott verrichten können ist, IHN zu loben und zu preisen, IHN zu lieben und zu ehren. Wer Gott lobt, weiß von IHM, macht IHN groß bei sich selbst und anderen, pflanzt den heiligen Namen Gottes in die Herzen von heilsbedürftigen Menschen. Er zeigt, wer der wirkliche Herr neben allen selbsternannten Herren ist. Dieser Dienst, der bei uns zumeist ein verkümmertes Dasein führt, darf nie und nimmer zu gering geschätzt werden, sonst laufen wir Gefahr, in Distanz zu unserem Gott zu treten.

Gott dienen geht wiederum nur, wenn ER uns zu diesem Dienst befähigt. ER selbst verleiht uns die Gaben und Kräfte und rüstet uns damit aus, damit wir seinen Willen den Menschen kundtun können. Hier geht es im Besonderen um die Verbreitung des Evangeliums von Jesus Christus, dem Heiland, Erretter und Erlöser - dem, der das ewige Leben schenkt.

Wie oft haben wir es gehört: Gott dienen bedeutet, seinen Willen zu tun. Jesus hat darüber ausgeführt, dass es nicht auf die oft so erstrebten Großtaten wie „in seinem Namen weissagen, böse Geister austreiben, viele Wunder tun“ ankommt (Mt 7,22), sondern darauf, den Willen des Vaters zu tun (Mt 7,21). Dazu muss ich diesen Willen auch kennen.

Nach den Aussagen der Schrift bedeutet „Dient dem Herrn“, sich in aller Demut unter Gott und sein Wort zu stellen, IHM die Verfügung über alle eigenen Möglichkeiten zu überlassen, letztlich IHM allein nachzufolgen. Jesus möchte, dass seine Nachfolger es so halten, wie er selbst: „So wie der Menschensohn nicht gekommen ist, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.“

Wer heute vom Dienen spricht, ohne das Verdienen zu erwähnen, erntet selbst in diakonischen Einrichtungen nur ein müdes Lächeln. Apostel Paulus sieht es aber so: Eine von Gottes Geist bewegte Gemeinschaft ist auch immer eine dienende Gemeinschaft, der das Dienen keine Last, sondern Lust ist.
Die Rolle des Zuschauers ist dem Christen verboten. Gott will von uns Hände, Füße, Verstand, auch Geld in Beschlag nehmen. Im Heiligen Geist ist er allezeit gegenwärtig. Gemeinde erfährt und bestätigt im Glauben, dass sie dem Herrn gehört und ihm mit allen ihren Gliedern dient.

Da, wo uns der Heilige Geist erweckt und anleitet, wird es uns als seine Jüngerinnen und Jünger gelingen, Gemeinde Jesu Christi zu bauen.

Viktor Raus

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