Adventssehnsucht

„Dein Reich komme!“
Fast in jedem Gottesdienst sprechen wir gemeinsam mit der Gemeinde das Vaterunser und somit auch den kurzen Satz mit den drei Worten aus Matthäus 6, 10: „Dein Reich komme“.
Ist es aber nicht so, dass wir das Gebet unseres Herrn oft ohne groß darüber nachzudenken und schematisch über die Lippen bringen? Wenn Martin Luther schon zu seiner Zeit sehr kritisch anmerkt: „Das Vaterunser ist der größte Märtyrer“, sagt das alles. Es gilt deshalb immer wieder, das alle Christen verbindende Gebet mit Leben und ernsthaftem Nachdenken zu erfüllen.
Und besonders sollten wir im adventlichen Sinn und für unsere widersprüchliche und krisengeschüttelte Zeit der zweiten Bitte des Vaterunser alle Aufmerksamkeit schenken.
Alle bisherigen Reiche, Staatsformen und Ideologien dieser Welt vermochten es bis heute nicht, den Menschen völliges und dauerhaftes Glück, wahren Frieden und makellose Gerechtigkeit, geschweige denn das Heil zu geben. Und das können sie ja auch gar nicht, weil sie Reiche und Weltanschauungen dieser vergänglichen von Gott abgefallenen und von Sünde durchtränkten Welt sind. Und viele von ihnen verursachten und bringen bis heute noch großes und unbeschreibliches Unheil und Leid.
Die Menschheitsgeschichte lehrt uns, dass die Reiche und Machtblöcke dieser Welt kommen und gehen wie ihre politischen Führer. Und doch lässt man sich immer wieder von ihnen blenden und vertraut im Grunde ihren leeren Versprechungen, um bald aber wieder enttäuscht zu werden.
So stellt sich die Frage: Was hat für alle Zukunft überhaupt Bestand, wem kann man gänzlich vertrauen? Welches Reich bringt das wahre Glück, bleibende Gerechtigkeit, unverfälschte Freiheit und allumfassenden Frieden, der alle Vernunft übersteigt und die Liebe, die des Gesetzes Erfüllung ist (Röm 13, 10)? Darauf kann es für Christen nur eine Antwort geben: das himmlische Königreich, welches – wie Jesus Christus selbst bezeugt hat – eben nicht von dieser Welt ist (Joh 18, 36)! Aber dieses Reich ist verheißen, und was Gott zusagt, hält ER gewiss (nach Ps 33, 4) !
Sicher braucht unsere sogenannte zivilisierte Welt solange sie besteht geordnete staatliche Verhältnisse oder mit der Bibel zu sprechen, Obrigkeiten. Und wohl dem Land mit einer Regierung, das sich an Gott und der frohen Botschaft von Christus orientiert. Da kann schon ein klein wenig vom Reich Gottes spürbar sein. Und dort, wo die Kinder Gottes sich im Namen des Herrn in Eintracht und Harmonie versammeln, ist ja Christus durch seinen Geist mitten unter ihnen (Mt 18, 20) als erlebbaren Vorgeschmack auf das Reich Gottes.
Aber dennoch bleibt bei allem redlichen Bemühen vieles offen, unvollkommen und vor allem in einem unerlösten Zustand, weil in diesem unserem Äon (Weltzeitalter) Satan, der Mörder und Lügner von Anfang an (Jo 8, 44 bzw. 1 Mo 3, 4 - 5), noch ungebunden ist und immer noch sein erschreckendes Unwesen in dieser Welt treibt.
Trübsal, Angst, Krankheit, Not und letztlich der Tod halten nach wie vor die Menschheit gefangen: millionenfacher Mord an ungeborenen Kindern, zunehmende Gewaltbereitschaft von Amokläufern an Schulen und in der Öffentlichkeit, nicht zu begreifender Kindesmissbrauch, pervers um sich greifende Sexualität und dazu noch propagierte Anormalitäten, blasphemische Äußerungen über das Opfer Jesu sogar vonseiten theologischer Richtungen, fanatisch religiös geprägte Selbstmordattentäter,
Christenverfolgungen im Nahen wie im Fernen Osten, kaum zu verstehendes egoistisches und unseriöses Management in der Finanz- und Wirtschaftswelt sowie der Hunger und die Armutsverhältnisse in der dritten Welt u. v. a. m. sind schaurige Zeugnisse unserer Zeit, die aus biblischer Sicht (z.B. Mt 24, Mk 13 u. Lk 21, 5 - 36) das nahe Kommen des Herrn ahnen lassen.

So bewegt und beschäftigt die Menschen bewusst oder unbewusst eine „paradiesische“ Ursehnsucht nach einer Existenz, die, wie zu Anfang der Schöpfung, sehr gut ist und ewig gut bleibt (nach 1 Mo 1, 31). Und diese Sehnsucht will der heilige Advent des Herrn in uns wach halten durch die (inbrünstige) ernsthafte Bitte: „Dein Reich komme!“
Wenn der Sohn Gottes, unser Heiland und Erlöser, wiederkommt – und ER wird ganz bestimmt kommen! – wird ER sein erlösendes Friedensreich aufrichten, in dem sich alle getreuen Seelen der Nachfolger des Herrn aus dem Totenreich wie aus dem Bereich der Lebenden im Lichte Jesu Christi zusammenfinden werden (Jes 35, 10). Und dies sollte für Christen heute und morgen bleibende zukunftsorientierte Adventsvorfreude sein und zur sehnsuchtsvollen Bitte motivieren: „Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden“ (Mt 6, 10).

Vielleicht mögen diese Gedanken für viele utopisch und illusionär sein. Aber welches Reich, welches Land, welche politische Macht oder welche Ideologie vermag

• selbstlose Liebe
• wahren Frieden
• ewige Freude
• allumfassende Freiheit
• uneingeschränkte Gerechtigkeit
• bleibendes Glück
• das Ende aller Not und Krankheit
• die Entmachtung
und Aufhebung des Todes
• Freiheit von der Knechtschaft
der Vergänglichkeit für die ganze
Schöpfung
• und das totale Gebundensein
des Bösen (Offb 20,1-3)

zu versprechen und zu garantieren?

Einzig allein Jesus Christus mit seinem himmlisches Reich, um das wir mit allen Gläubigen erwartungsvoll und sehnsüchtig bitten und flehen.
Deshalb bleibt der Auftrag Jesu im geistlichen Grundgesetz der Bergpredigt oberste Priorität: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles …“ – was wir noch für dieses irdische Leben brauchen – „zufallen“ (Mt 6, 33).

Frank Volkmer

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