Was macht Weihnachten wirklich aus?

Als ich eines Tages Ende September nach einem sehr bewegten Arbeitstag spät nach Hause kam und abends noch meine E-Mails checkte, fand sich eine Nachricht von unserem Apostel Gert Loose darunter. Er bat mich um einen Artikel für den Dezember-Herold 12/09; vielleicht hätte ich etwas in meinem Fundus, oder ggf. auch etwas Neues; Abgabe in reichlich einer Woche.
Um es voraus zu schicken – auf einen passenden Artikel in einem „Fundus“ konnte ich nicht zurückgreifen.
Seit diesem Abend ließ mich der Gedanke an den erbetenen Artikel nicht mehr los, selbst auf der Arbeit musste ich immer wieder daran denken. Wie soll das gehen – bei schönstem Spätsommerwetter und Sonnenschein einen Artikel über Weihnachten zu schreiben. Sollte ich abends eine Kerze anzünden und vielleicht etwas Weihnachtsduft von einem Räucherkerzchen oder einer Duftlampe verströmen lassen? Auch geschmacksseitig könnte man mit den jetzt schon in den Geschäften angebotenen Weihnachtsleckereien etwas nachhelfen.
Durch Äußerlichkeiten könnte man vielleicht etwas vorzeitige Weihnachtsatmosphäre schaffen, um dann auch gedanklich in diese weihnachtliche Stimmung hinein zu kommen. Eigentlich ein schöner Gedanke: schon in Weihnachtsstimmung zu sein, ohne dass der alljährliche Countdown der Dezembertage läuft, um alles „vermeintlich Notwendige“ noch bis zum 24.12. schaffen zu müssen.
Dabei habe ich mich dann spätestens gefragt: Was macht Weihnachten wirklich aus?
Diese Frage wurde mir schon einmal sehr deutlich, als eine meiner Kolleginnen – unter dem Vorweihnachtsstress stöhnend – sagte: „Weihnachten braucht es meiner Ansicht nach überhaupt nicht zu geben. Die freien Tage, na ja, die sind sehr schön, die könnten ja bleiben, aber alles andere ist verzichtbar.“

Was macht Weihnachten wirklich aus?
Was ist wirklich wichtig?
Was bleibt in den Tagen danach?
Schon seit vielen Jahren wird im Fernsehen kurz vor dem Weihnachtsfest die José-Carreras-Gala ausgestrahlt. Ich schaue mir diese Sendung seit einigen Jahren regelmäßig an.
Neben den Spendenaufrufen zu Gunsten der gleichnamigen Stiftung werden auch immer wieder persönliche, sehr berührende Schicksale leukämiekranker Menschen, darunter oftmals von Kindern, in Filmbeiträgen gezeigt bzw. darüber berichtet.
Ein Erlebnis, wovon in einer Sendung vor zwei Jahren berichtet wurde, ist mir dabei besonders auf die Seele gefallen und lässt mich nicht mehr los.

Ein 11-jähriges leukämiekrankes Mädchen weiß, dass sie nur noch wenige Tage zu leben hat. Sie sieht eine junge Mutti weinen, deren 2-jähriges Mädchen gerade gestorben ist. Obwohl sie von ihrer eigenen Krankheit schon sehr gezeichnet ist, klopft sie der jungen verzweifelten Mutti auf die Schulter und sagt: „Hab keine Angst, du brauchst nicht zu weinen; ich passe im Himmel auf deine kleine Tochter auf.“

Diese Schilderung ging mir sehr zu Herzen. Wie viel Gottvertrauen und Glaubensgewissheit sprechen aus diesen wenigen Worten des Mädchens!
Mir wurde aber auch ganz deutlich vor Augen geführt – gerade in dieser „ach so stressigen Vorweihnachtszeit“ – wie nichtig doch all die Äußerlichkeiten sind, von denen wir uns so gefangen nehmen lassen. Wie unwichtig sind doch all die emsigen Vorbereitungen, wie unbedeutend und unnötig all der Stress, die Hektik und Sorge, wie alles geschafft werden soll.

Ganz schnell kann alles ganz anders aussehen und völlig andere Dinge rücken in den Mittelpunkt. Da gibt es Menschen, deren einziger Wunsch ist es, an Weihnachten vielleicht ein paar Stunden zu Hause bei ihren Lieben zu sein.
Welchen Wert haben da noch überschwänglich dekorierte Wohnungen, Berge von Geschenken, für das Weihnachtsfest herangeschaffte nicht zu bewältigende Vorräte an Essen und Trinken? Reicht vielleicht nicht nur das Licht einer Kerze und die Gemeinsamkeit, Wärme und Nähe – einfach die Zeit mit- und füreinander?

Was macht Weihnachten wirklich aus?

Mir ist diese Sendung und die darin geschilderten Erlebnisse inmitten einer Zeit, in der unsere Gedanken mit Verpflichtungen, Terminen, hochgesteckten Zielen, aber auch Enttäuschungen, Ängsten und Sorgen angefüllt ist, jedes Jahr immer wieder Anlass, über diese Frage erneut nachzudenken und von der „Ware Weihnachten“ zur „wahren Weihnacht“ geführt zu werden.
Haben wir eigentlich noch Raum in uns, um uns auf etwas Außergewöhnliches einzulassen? Sind wir noch offen für einen Besuch, mit dem wir nicht gerechnet haben?
Gott kam vor 2009 Jahren zu Besuch. Niemand aber hatte Zeit für Maria und Josef, niemand hatte Platz für das Kind, bei den meisten ging das wichtigste Ereignis der Weltgeschichte einfach im Alltagstrubel unter. In der Bibel steht: „Er kam in sein Eigentum und die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ (Jo 1, 11)

Finden wir uns hier wieder?

Jesus, Gott selbst, wurde abseits, am Rand der Gesellschaft geboren, in einem Stall. Die einzigen, die ihm Platz gemacht haben, waren Ochs und Esel. So wird es schon durch den Propheten Jesaja angekündigt: „Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel kennt’s nicht und mein Volk versteht’s nicht.“

Und heute? Heute feiern wir Weihnachten mit Nikoläusen und Plätzchen, mit Weihnachtsbaum und stimmungsvoller Musik, mit Weihnachtsmärkten und Geschenken – aber ist bei allem auch noch Platz für Jesus? Oder feiern wir nicht überwiegend dieses Geburtstagsfest ohne das Geburtstagskind?
„Wäre Jesus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du bliebest doch ewiglich verloren.“

Gerade an Weihnachten – wenn der selbstgemachte Stress aufhört – spüren viele eine innere Leere. Das Weihnachtsfest wird hohl, wenn der Grund der Weihnachtsfreude verlorengegangen ist. Auch im Himmel muss große Traurigkeit sein, wenn die Menschen vom Fest der Liebe reden, aber nicht wissen, wer ihnen diese Liebe geben kann. Es macht betroffen, dass viele Menschen zwar Weihnachten feiern wollen, aber es nicht können. Wahrscheinlich geht es vielen in Wirklichkeit um ein paar freie Tage, aber der wirkliche Sinn ist ihnen verborgen. So verspüren gerade in diesen Tagen viele Menschen eine innere Leere.
Ich habe jetzt sogar einmal vom sogenannten „Festtagskoller“ gelesen. Ein Phänomen unserer Tage, mit dem sich viele Psychologen beschäftigen.
Die Menschen knüpfen zu hohe Erwartungen an das „Weihnachtsfest“ – an diese sogenannten „paar schönen freien Tage“, die sich nicht erfüllen lassen – auf jeden Fall nicht mit den „irdischen Genüssen“, für die in der Vorweihnachtszeit die Vorbereitungen auf Hochtouren gelaufen sind.
Warum lassen wir es zu, dass wir so beschäftigt sind, dass wir das größte Wunder nicht sehen?
Was macht Weihnachten wirklich aus?

Vielleicht müssen wir wirklich von einem Esel lernen, der in seinem Stall Platz gemacht hat für Jesus. Er durfte sehen, wie in seine Futterkrippe Gott selbst gelegt wurde, und der Himmel war in diesem Stall. Nichts ist so wichtig, dass Gott nicht herein darf.

Machen wir Platz für ihn in unseren Häusern, in unseren Gedanken, in unseren Terminkalendern! Erst dann wird Weihnachten zum Freudenfest, zum Fest der Liebe.

Ich wünsche uns allen die freudige Gewissheit dieses o. g. Mädchens. Sie schöpft in ihrer irdisch ausweglosen Lage aus ihrem festen Glauben unsägliches Vertrauen und die nötige Kraft „weiter“ zu schauen und damit anderen Trost und Zuspruch zu spenden. Diese Hoffnung trägt und macht alles Dunkel hell!
Nehmen wir die Botschaft in unser Herz auf und bewahren wir diese auch über das Weihnachtsfest hinaus ganz fest in uns.

Weihnachten macht wirklich aus. Die Nacht wird hell, der Himmel ist auf der Erde, Gott kommt zu uns!
Weihnachten will uns sagen: Gott holt uns ab – gleichgültig, wo wir stehen.

Annette Herrmann

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