Vision

Vision zum Sehen,
Kraft zum Glauben, Mut zum Tun

Die Zeit zwischen den Jahren ist vorüber – ein neues Jahr beginnt. Noch liegt es vor uns wie ein unberührtes Schneefeld am Morgen, silbrig glänzend und viel versprechend, auch ein wenig geheimnisvoll. Denn wer weiß schon, was es uns bringen wird ? Noch hat es keine Spuren hinterlassen. Es ist ein Augenblick des Innehaltens. Dabei dürfen wir uns erlauben, Visionen und Hoffnungen zu formulieren, die uns in diesem Jahr leiten sollen, bevor uns die Aufgaben des Alltags wieder einholen und uns unsanft auf den Boden der Realität zurückbringen.
 
Wenn ich über Hoffnungen und Visionen nachdenke, dann beziehe ich meine Sprache und Bilder aus dem christlichen Glauben und seiner Grundlage, der Bibel. Wenn wir ein Vorbild suchen für jemanden, der aus der Hoffnung des Glaubens lebte und sich gerade deshalb im gesellschaftlichen Leben einmischte, dann ist das Jesus. Blicke ich auf das gerade begonnene Jahr, so hoffe ich auf viele Spuren einer gelebten, einander zugewandten Menschlichkeit, die darauf baut, daß Gott mit von der Partie ist und uns nicht fallen lassen wird. Die Menschlichkeit braucht Schutz, wir alle brauchen Schutz. Die Rahmenbedingungen müssen so geschaffen sein, dass ein friedliches Miteinander gewährleistet ist und keiner durchs Netz fällt. Friede und Gerechtigkeit, diese alten großen Hoffnungen der Menschheit, entstehen nicht von allein, sondern sie erfordern unseren Einsatz jeden Tag in kleinen Schritten. „Laßt Eure Lenden umgürtet sein und Euer Licht brennen“, so lesen wir im 12. Kapitel des Lukas-Evangeliums. Welch schönes Bild! Schauen wir uns um in unserer Umgebung: Wo kann der Gurt der Gerechtigkeit und des Friedens uns Halt geben und wo können wir Gerechtigkeit und Frieden verwirklichen ? Wenn wir keine Furcht vor unkonventionellen, mutigen Lösungen eines Konflikts in unserem Umfeld haben und der Großzügigkeit Raum geben, wenn wir Vertrauen in unsere Kinder setzen, wenn wir voller Liebe und Achtsamkeit unsere ältere Generation umsorgen, wenn wir Widerstand leisten gegen Gewalt, wo und in welcher Form wir sie auch immer wahrnehmen, wenn wir die Fremden achten und den Reichtum schätzen, den sie uns mit ihrer Kultur und Andersartigkeit bringen.
 
Ich freue mich auf das anbrechende Jahr. Bei aller Sorge birgt es so viele Möglichkeiten für unser aller Handeln. Wir haben die Chance, das noch fast unberührte Schneefeld des neuen Jahres mit Spuren der Liebe und mit Schritten des Friedens zu füllen. Unsere eigenen und die Spuren anderer werden ein formenreiches Muster ergeben und sich ergänzen. Und wenn wir fehlen, wird Gott uns vergeben, wenn wir nicht darauf bestehen, fehlerlos zu sein. Er ist viel großzügiger, als wir bisweilen denken.
 
Jeder Tag birgt eine neue Hoffnung und eine neue Chance, das ganze lange Jahr hindurch: „Vision zum Sehen, Kraft zum Glauben, Mut zum Tun“ – So lautet eine Inschrift, die ich auf einer Sonnenuhr fand und mich anrührte, denn sie gibt genau das wieder, was wir brauchen: Wir müssen die Bedürfnisse um uns herum sehen, wir müssen glauben, dass wir tatsächlich etwas bewirken können, und wir müssen schließlich so weit kommen zu handeln.

Dagmar Bramsch

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