Als Christ im Beruf

Im ersten Teil meiner Gedanken werde ich das heutige Arbeitsleben beleuchten. Dies wird u. U. nicht vollständig sein, jedoch möchte ich euch allen einen Einblick in die derzeitige Situation geben. Bei den Lesern, denen die Schilderungen nicht unbekannt sind, bitte ich um Verständnis.

Gedanken zum Arbeitsleben

Zunächst muss ich feststellen, dass sich das Arbeitsleben allgemein, aber auch meine persönliche Situation, seit meiner Ausbildung stark verändert hat. Dieses können wohl jene von uns am besten nachvollziehen, die nach einer längeren Unterbrechung ihrer beruflichen Tätigkeit, z. B. Erziehung der Kinder, wieder eingestiegen sind oder noch einsteigen wollen.

Technische Fortschritte, wie Computer und Maschinen, haben weitestgehend in allen Bereichen der Unternehmen Einzug gehalten und vieles, was früher per Kopf und Hand bearbeitet wurde, übernommen.

In vielen Unternehmen ist der Personalbestand auf ein Mindestmaß „herunter gefahren“ worden, was zu mehr Stress, vielen Querelen, weniger Zeit für die zu erledigenden Arbeiten und vor allem für sich selbst und die Zeit nach der Arbeit, also dem Feierabend, geführt hat. Im Dienstleistungsbereich hinterlässt der geringe Personalstand sehr deutliche Spuren, da es sich in vielen Fällen um einen Dienst am Menschen handelt. Arbeitskräfte, die in Krankenhäusern oder im Bereich der Alten- und mobilen Krankenpflege tätig sind, stört es vielfach, zu wenig Zeit für den einzelnen, zu pflegenden Menschen zu haben.

Der Zeitdruck fordert ein schnelles und zügiges „abarbeiten“ und nimmt auf die, in diesem Falle betroffenen Patienten, keine große Rücksicht. Werden die zu Pflegenden nicht in der vorgegebenen Zeit versorgt, muss der Mitarbeiter dies der Pflegeleitung gegenüber verantworten. Das führt zu einem gewissen Maß an Verunsicherung, und Ängste um den Arbeitsplatz auch zu Gewissenskonflikten im Umgang mit Patienten, resp. dem Menschen. Zeit zum Durchatmen bleibt auf der Strecke und Mitarbeiter, die ausgepowert, die ausgebrannt und müde sind, bleiben somit zurück. Fällt die Leistungsfähigkeit ab, erwartet den Betroffenen der nächste „Druck“. Dies kann durchaus auch auf andere Branchen übertragen werden.

Wo unsere Väter und Mütter einen, gegenüber der heutigen Zeit verhältnismäßig sicheren Arbeitsplatz innehatten, kann heute keiner eine Sicherheit gewähren. Folgen einer immer höheren angestrebten Produktivität, Effizienz, des Profits und der Rendite zeigen uns sehr deutlich die Grenzen in allen Lebensbereichen. Befristete Beschäftigungsverhältnisse nehmen immer mehr zu, die keinem Arbeitnehmer eine längerfristige Lebensplanung ermöglicht. Mehrfache Arbeitsverhältnisse auf Niedriglohnbasis sind heute keine Ausnahme mehr. Leiharbeitsunternehmen verzeichnen wieder Zuwachs.

Der Druck, nicht zu funktionieren, durch Krankheit auszufallen, nicht mit den Ansprüchen des Unternehmens und der Zeit mithalten zu können, macht immer mehr Menschen psychisch krank. Das drückt auf das Teamverhalten von Mitarbeitern und führt so zu Mobbing und anderen menschenzerstörenden Verhaltensweisen.

„Psychische Beschwerden haben sich nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zu einer Volkskrankheit entwickelt. Ein Drittel der Erwerbstätigen klage über psychische Belastungen, heißt es in dem in Gütersloh veröffentlichten Gesundheitsmonitor. Mehr als 20 Prozent der deutschen Bevölkerung suchten innerhalb eines Jahres deshalb einen Arzt auf.“
(aus Lippische Landes-Zeitung 13.November 2009)

Um den Anschluss nicht zu verlieren, arbeitet einer Erhebung zufolge in Deutschland ein großer Anteil von Mitarbeitern während ihres Urlaubs weiter für ihr Unternehmen.

Der Wunsch, nach Auswegen aus diesem Kreislauf heraus zu finden, wird immer größer. Und so sind wir als Christen gefordert, den Blick für unseren Nächsten – unserer Kollegin / unseren Kollegen – aber auch uns selbst, nicht zu verlieren.

Gelebter Glaube

Auch wir Christen sind in diese täglichen Prozesse involviert und müssen den Anforderungen des Alltags – Familie, Arbeit, Gemeinde, Hobby, Freizeit etc. – gerecht werden.

In Situationen, in denen ich den Erwartungen meiner Vorgesetzten, meiner Kollegin / meines Kollegen nicht entspreche, meine eigene Sicht vertrete, muss ich mit Widerstand rechnen. Gespräche, an die ich mich erinnere, in denen es z. B. um Personalführung und/oder -entscheidungen ging, wurden je nach Fortschritt, sehr kontrovers geführt.
Sehr schnell lassen wir uns hier von unseren guten Gedanken und Vorhaben abbringen, um nur keine zusätzlichen Probleme zu bekommen. Oder wie gehe ich damit um, wenn ich feststelle, dass meine Arbeitsleistung von anderen zu ihrem Vorteil gerne in Anspruch genommen wird?
Mach ich mir meinen eigenen Plan, wie ich dieses zukünftig verhindere, oder suche ich das Gespräch mit meiner Kollegin / meinem Kollegen?
Wie verhalte ich mich, wenn ich feststelle, dass meine Kollegin / mein Kollege unter Krankheiten – z. B. Alkohol- oder Spielsucht – leidet?

Viele Konflikte, auch im Bereich unseres Arbeitslebens, werden nicht durch das Gespräch, sondern durch Verhaltensveränderung „gelöst“. Letzteres hilft keinem.

Ein junger Mann stand eines Tages vor der Türe meines Büros und fragte mich, ob er seine Ausbildung in unserem Betrieb weiterführen könne. Da ein Ausbildungsverhältnis für beide Seiten nicht ohne wichtigen Grund zu beenden ist, wurde ich ein wenig stutzig. Nach einigen Nachfragen erfuhr ich den Grund, der zur Beendigung seines Ausbildungsverhältnisses geführt hatte.

Der Ausbildungsbetrieb hatte ihn „gefeuert“, weil er gestohlen hatte. Das Verhältnis zwischen dem Inhaber (Ausbildungsmeister) und ihm war seit langer Zeit zerrüttet. Er sah keinen anderen Ausweg als das Getane, um den Betrieb verlassen zu können. Dann fügte er noch hinzu, dass ich an diesem Tag der 29. wäre, dem er seine „Geschichte“ erzähle, aber 28mal vorher hätte er gelogen. „Als ich vor ihrer Türe stand, habe ich mir fest vorgenommen, die Wahrheit zu sagen“. So saß nun der junge Mann, mit den besten Voraussetzungen vor mir, in Erwartung meiner Entscheidung.
Und, so dachte ich bei mir, wie würde Jesus das sehen? – und bat den jungen Mann um eine „Nacht“ des Nachdenkens. So gingen wir an diesem Tag auseinander.

Am Abend war ich im Gottesdienst. Richtig konzentriert, muss ich zugeben, war ich wegen der Angelegenheit nicht, müsste ich ja meine Entscheidung einer eventuellen Zusage auch meinem Chef gegenüber verantworten. Aber dann sagte der Prediger einen entscheidenden kurzen Satz: „Man muss einem Menschen eine zweite Chance geben“.
So verständigten wir uns am folgenden Tage darauf, die Ausbildung in unserem Betrieb weiter zu führen.

Alles dürfen und können wir unserem HERRN sagen. Allerdings müssen wir auch akzeptieren, dass SEINE Lösungen nicht immer unseren Vorstellungen entsprechen. Doch wenn es uns ernst ist, wenn wir unseren HERRN in alle Entscheidungen unseres beruflichen Lebens einbeziehen, dann wird ER auch hier segnen. IHM ist sehr daran gelegen, dass wir in allen Bereichen unseres Lebens mit IHM unterwegs sind. Da kann unser beruflicher Bereich nicht ausgenommen sein.

In einem Gespräch schilderte mir ein Bruder, dass sich in seiner Abteilung ein Gebetskreis gefunden hat. Dies wurde möglich, weil Christen an ihrem Arbeitsplatz ins Gespräch kamen. Und so beten Christen gemeinsam in ihrer zur Verfügung stehenden freien Zeit, an ihrem Arbeitsplatz.

Wow! Was ist in der und durch die Gegenwart unseres HERRN nicht alles möglich.
Als aktiver Christ ist es unumgänglich, dies auch an seinem Arbeitsplatz zu leben. Menschen, die in direktem Kontakt mit uns stehen, wird unser Christsein nicht verborgen bleiben.

Möge unser Gott und Vater, unser Herr Jesus Christus, uns den Mut schenken, unser Christsein in unserer Arbeitswelt – mit all ihrer Faszination, ihrer Technik, ihren Ansprüchen und ihren Herausforderungen – praktisch zu leben. So werden Menschen an allen Orten von der guten Nachricht, dem Evangelium von Jesus Christus, erfahren – in Wort und Tat.
Werden wir nicht nachlässig, von unserem HERRN zu berichten, denn viele Menschen suchen Orientierung für ihr Leben. Zeigen wir ihnen diese in Jesus Christus.

Stefan Weber, Herford

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