Ich weine rote Tränen

Selbstverletzendes Verhalten – wenn Schmerz zur Befreiung wird

Vorab: der folgende Bericht will, noch kann, nicht medizinisch oder tiefenpsychologisch aufklären. Es ist die Geschichte einer Frau, die zur Zeit einen Prozess durchläuft, dessen Hauptziel es ist, Schweigen zu brechen. Handeln in Sprache zu übersetzen, eigene Gefühle und Bedürfnisse sprachlich auszudrücken. Aus diesem Grunde hier die Geschichte von Katja, die mir erlaubt, diese aufzuschreiben und in einem Forum zu veröffentlichen, von dem sie glaubt, dass Verständnis aufgebracht wird und – dass für sie gebetet wird.

Vor fünf Jahren traf ich sie zum ersten mal. Ein taffes Mädchen, gerade zwanzig Jahre alt. Sie wirkt stark und voller Selbstbewusstsein und weiß wohl sehr genau um ihren Weg, den sie zu gehen wünscht. Ein Eindruck, der täuscht. Dies ist die Geschichte von Katja:

1986 wird sie als absolutes Wunschkind in eine Familie geboren, in der alles stimmt. Angesehen in der Stadt, Vater und Mutter im Beruf, Oma, die sich ums Kind kümmert. Alles scheint perfekt. Was nicht perfekt ist, über das wird nicht gesprochen. Katja sagt, sie habe aber immer Ablehnung gespürt. Sie wollte die Mama und hatte die Oma. Mama und Papa keine Zeit – aber es war alles geregelt. Und Katja lebt ihr geregeltes Leben. Bis zu jenem Tag, an dem der Vater mit ihr alleine ist. Sie ist fünf! Und die Stunden alleine mit Papa im Schlafzimmer, muss sie fast zwei Jahre über sich ergehen lassen. Solange bis die Oma dahinter kommt. Doch sie will ihren Sohn nicht an den Pranger stellen. Also wird geschwiegen und ein gegenseitiges ,,Einvernehmen´´ getroffen. Papa ist mit Katja nicht mehr alleine – und Oma und Katja sprechen einfach nicht mehr darüber. Mama weiß von nichts und wird auch nie davon erfahren. Es scheint zu funktionieren.

Das „geregelte“ Leben geht weiter. Katja lernt brav ihre Lektionen, ist gut in der Schule. Die Mutter aber beklagt sich immer öfter über ihre Tochter. Sie sei so wechselhaft – in ihren Stimmungen wie in ihren Beziehungen zu Menschen. Die Mutter bleibt ahnungslos, das Kind aggressiv. Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt. Katja schweigt. Fühlt sich verletzt und darf nicht schreien!

An dem Tag, an dem die Oma stirbt, geschieht etwas. Katja gerät in einen heftigen Streit mit ihrem Vater. Sie ist 16, hat schon mehrere sexuelle Beziehungen hinter sich, die immer dann scheitern, wenn „echte“ Emotionen ins Spiel kommen. Nur nicht binden, sein Herz an nichts und niemanden hängen.

Und genau das ist Inhalt des Streites mit dem Vater. Er bezeichnet sie als lasterhaft und beschimpft sie noch mit viel schlimmeren Worten. Da bricht es aus ihr heraus. Schreit alles heraus, was sie empfindet – und hält ihrem Vater auch seine Schuld vor Augen. Die Mutter hört mit – und glaubt ihr nicht! Hält das Ganze wieder für so eine Laune. Eine Lüge, die einem aggressiven Hirngespinst entspringt.

Katja verlässt das Elternhaus, kommt bei einer Freundin unter und beschließt, sich das Leben zu nehmen. An einem schönen Tag im April soll es soweit sein. Sie will sich die Pulsadern aufschneiden. Langsam – und mit dem Blut die ganze Wahrheit an die Wand schreiben.

Sie wird gefunden. Was dann geschieht, ist schnell erzählt. Krankenhaus mit anschließendem Aufenthalt in der psychiatrischen Abteilung. Doch da hat der Kreislauf schon begonnen. Die Verletzungen, die sie sich zufügt, helfen ihr die Kontrolle über sich zu bewahren. Wenn das Blut fließt, dann fühlt sie. Sie hat Macht über sich selbst und sie fühlt sich überlegen. Denn niemand weiß darum. Die roten Tränen weint sie allein – und nur sie bekommt sie zu sehen. Das macht sie stark.

Katja bleibt bei der Familie ihrer Freundin. Die hilft ihr. Sie fängt wieder an, ein „geregeltes“ Leben zu führen. Geht zur Schule und wird sogar ihr „Einser-Abitur“ schaffen. Und niemand – bis auf die Freundin – weiß um ihre roten Tränen. Die „Tränenkanäle“ sind vielfältig. Sie schneidet sich an Armen und Beinen. Immer dann, wenn sie mit Dingen nicht klarkommt. Dann, wenn sie schwach ist, und nur ihre heimlichen, roten Tränen weinen möchte. Arme und Beine bleiben verdeckt, aber verziert mit für andere unsichtbaren Narben.

Bis zu dem Tag, an dem sie zu tief schneidet. Sie wird gefunden und von neuem landet sie in der Psychiatrie. Doch jetzt hat sie Glück. Trifft auf eine fähige Psychologin, die ihr hilft. Katja geht für ein halbes Jahr in ein christliches Therapiezentrum auf die Schwäbische Alb.

Nein, jetzt beginnt keine wunderbare Spontanheilung. Leider! Aber sie findet Menschen, die sie aufbauen, die viel Zeit für sie haben und die für sie beten – auch dafür, dass Katja lernt zu vergeben. Doch das kann sie bis zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht. Wieder zurück in ihrem alten Leben, beschließt sie, sich nicht mehr zu verstecken. Offen mit ihrer Krankheit, die sie mittlerweile als solche anerkennt, umzugehen. Und sie beschließt auch, ihre Eltern in die Pflicht zu nehmen – und verklagt sie.

Zu diesem Zeitpunkt lerne ich sie kennen. Ein taffes Mädchen, das seinen Weg geht. Dachte ich. Doch heute weiß ich, dass dies alles nur Fassade ist. Kein taffes Mädchen – sondern eine tief verletzte Frau, voller Narben – nicht nur auf Armen und Beinen. Sondern insbesondere auf ihrer Seele. Sie findet den Mut und verklagt ihren Vater. Der Prozess mit ihren Eltern läuft bis heute. Ein fürchterlicher Kampf mit ,,Erfolgen´´ für sie. Aber kann man eine monatliche Unterhaltszahlung als Erfolg bezeichnen? Das Verfahrung des sexuellen Missbrauchs ist wegen ,,Nicht-Nachweisbarkeit´´ eingestellt worden. Auch der Vater hat seinen ,,Erfolg´´. Doch um welchen Preis!

Im Übrigen schneidet sie sich noch immer. Manchmal – immer seltener – wie sie sagt. Und ich schaue zu, wie sie ihr ,,geregeltes´´ Leben führt. Sie studiert, hat mittlerweile eine eigene Wohnung und bekommt ganz viel Hilfe von Menschen, die sie so nehmen, wie sie ist. Achterbahn fahrend und rote Tränen weinend!

Ich werde ihrer Bitte nachkommen. Werde für sie beten und hoffen. Nach wie vor fällt es mir schwer, dies alles zu fassen. In meiner unmittelbaren Nähe gibt es einen Menschen, der so etwas durchleben muss. Der es nicht schafft, loszulassen und zu vergeben. Aber mal ganz ehrlich zu mir selbst: Könnte ich das?

Bärbel Dahmen

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