Erhalte dir den Frieden mit deiner Seele

Es ist noch gar nicht lange her, da begrüßten wir das neue Jahr. Wir nahmen uns Zeit Rückschau zu halten, Vorsätze zu fassen und blickten gespannt auf das, was 2010 für uns bereit halten wird. Auch jetzt – das Jahr ist noch jung – begleiten uns Hoffnungen und Sehnsüchte, aber auch Ängste und Sorgen vor dem was da kommen wird.
Nun begegnet jeder der Zukunft anders und wir wissen auch zu Beginn diesen Jahres um Mitmenschen und Geschwister, die nicht in hoffnungsfroher Gespanntheit das Neue erwarten, sondern von ihren Befürchtungen und Ängsten aufgerieben werden. Wir denken an viele, deren Seelenfrieden an den Sorgen – und Problembergen, die sie mit sich tragen, zerbrochen ist. Die Seele ist nicht mehr heil und kann von sich aus nur schwerlich heil werden.
An dieser Stelle setzt die Notwendigkeit christlicher Seelsorge an. Gott kann und will uns heilmachen, uns wahrhaftigen Frieden geben. Als Mittel hierzu, sendet er dich und mich aus, zu allen denen, die offene Ohren, ein gutes Wort, Begleitung auf schwierigen Wegen und betende Hände brauchen, um die Last ihrer Ängste zu heben.
Wir dürfen Boten des Friedens für die Seele sein und den Zuspruch geben, dass Gott, unser liebender Vater, keines seiner Kinder vergisst. Genau damit umsorgen wir, aus der Kraft Gottes heraus, die Seele dessen, der sich uns zum Nächsten macht. Wir werden zu Seelsorgern für den, der sich uns anvertraut.

Ganz gleich, in welcher Position wir uns momentan wiedererkannt haben – sei es die des Seelsorgers oder die des sich Anvertrauenden (mitunter ist ja auch beides der Fall) – soll uns eine Inschrift von 1692 aus der alten St. Paul’s Kirche in Baltimore als Hilfe, Ermahnung, Begleitung und Gedankenanstoß im Jahr 2010 sein, damit uns der Frieden mit unserer Seele erhalten bleibe!

Gehe ruhig und gelassen durch Lärm und Hast und sei des Friedens eingedenk, den die Stille bergen kann.

Es beeindruckt mich, wie schon im ersten Vers dieser Inschrift deutlich wird, was ich persönlich tun kann, um von dem Getriebe der Welt nicht völlig ausgebrannt zu werden. Denn nur wenn mir dies gelingt, kann ich mich auf die Belange des Nächsten einlassen. Ruhe und Gelassenheit, Frieden in der Stille: Hier ist nicht ein Einschließen und Abkapseln von allem Weltlichen, kein Leben als Einsiedler gemeint. Nein, es wird uns viel mehr vor das Auge gestellt, woher wir Kraft für unseren Alltag, für unsere Seele und für das Sorgen um den Nächsten tanken können; nämlich in der Stille und dem Hören auf Gott.

Stehe, soweit ohne Selbstaufgabe möglich, in freundlicher Beziehung zu allen Menschen. Äußere deine Wahrheit ruhig und klar und höre anderen zu, auch den Geistlosen und Unwissenden; auch sie haben ihre Geschichte.

Was muss ich denn als Seelsorger können? Ganz klar, nicht jeder kann alles leisten. Jeder soll sich mit seinen persönlichen Gaben auch in die Seelsorgearbeit einbringen. Aber das, worin wir uns als Seelsorgende immer wieder üben müssen, sagen uns diese Verse: Freundlichkeit, Offenheit, Ehrlichkeit, Zuhören.

Wenn du dich mit anderen vergleichst, könntest du bitter werden und dir nichtig vorkommen: denn immer wird es jemanden geben, größer oder geringer als du. Freue dich deiner eigenen Leistungen, wie auch deiner Pläne. Bleibe weiterhin an deiner eigenen Laufbahn interessiert, wie bescheiden auch immer. Sie ist ein echter Besitz im wechselnden Glück der Zeiten.

Viele Menschen leiden unter Leistungsdruck, fühlen sich verpflichtet andere zu kopieren, da sie sich selbst für nichts wert erachten. Unzählige tragen Masken zur Schau und werden letztlich zu Gefangenen ihrer selbst. Davor warnen uns diese Zeilen und ermutigen uns gleichzeitig dankbar und froh auf unser eigenes Leben und unsere Person zu blicken. Auch da fängt Heilwerden der Seele an: In der Zufriedenheit mit sich und der Dankbarkeit gegenüber Gott.

In deinen geschäftlichen Angelegenheiten lass Vorsicht walten; denn die Welt ist voller Betrug. Aber dies soll dich nicht blind machen gegen gleichermaßen vorhandene Rechtschaffenheit. Viele Menschen ringen um hohe Ideale; und überall ist das Leben voll Heldentum.
Sei du selbst, vor allen Dingen heuchle keine Zuneigung. Noch sei zynisch was die Liebe betrifft; denn auch im Angesicht aller Dürre und Enttäuschung ist sie doch immerwährend wie das Gras.

Auch in diesem Teil der Inschrift wird uns etwas alltägliches vor das Auge gestellt. Misstrauen, aufgrund übler Erfahrungen, wie auch Unaufrichtigkeit innerhalb menschlichen Miteinanders. Viele Menschen zerbrechen an solchen Erfahrungen oder sind eingeschlossen in den Gefängnissen ihres Misstrauens. Als Ausweg wird uns hier die Liebe genannt. Eine Liebe, die um Rückschläge und Kränkung weiß und sich doch nicht entmutigen lässt, Gutes zu wirken. Bitten wir um diese Liebe für unseren Dienst und unser Leben.

Ertrage freundlich – gelassen den Ratschluss der Jahre, gib die Dinge der Jugend mit Grazie auf. Stärke die Kraft des Geistes, damit sie dich in plötzlich hereinbrechendem Unglück schütze. Aber beunruhige dich nicht mit Einbildungen. Viele Befürchtungen sind Folge von Erschöpfung und Einsamkeit. Bei einem heilsamen Maß an Selbstdisziplin sei gut zu dir selbst.
Eine existentielle Problematik menschlichen Seins wird in diesen Versen benannt: Die Konfrontation mit der eigenen Vergänglichkeit. Für viele Menschen kann das Bewusstwerden darüber durchaus plötzlich hereinbrechendes Unglück bedeuten. So sind wir aufgefordert uns im Glauben - einer Kraft die wahrhaft trägt - zu stärken, wo wir die Gelegenheit dazu haben. Gleichzeitig werden wir ermahnt, uns nicht von unnötigen Sorgen zermürben zu lassen, denn Gott weiß, wessen wir zum Leben bedürfen.

Du bist ein Kind des Universums, nicht weniger als die Bäume und die Sterne; du hast ein Recht hier zu sein. Und ob es dir nun bewusst ist oder nicht: Zweifellos entfaltet sich das Universum wie vorgesehen. Darum lebe in Frieden mit Gott, was für eine Vorstellung du auch von Ihm hast und was immer dein Mühen und Sehnen ist. In der lärmenden Wirrnis des Lebens erhalte dir den Frieden mit deiner Seele.
Trotz all ihrem Schein, der Plackerei und den zerbrochenen Träumen ist diese Welt doch wunderschön. Sei vorsichtig. Strebe danach glücklich zu sein.

In den letzten Worten der Inschrift ist auf faszinierende Weise zusammengefasst, was uns als Umsorgenden Mut machen soll. Es kommt zum Ausdruck, dass alles in Gottes gutem Plan geborgen ist, dass er uns heilmachen will und uns mit seinem Frieden und seiner Kraft zum Dienst ausrüsten möchte. Und ist es andererseits nicht wunderbar, in der größten Verzagtheit, im ärgsten inneren Aufruhr und voller Selbstzweifel diese Worte zu hören. Worte, die uns zusprechen, etwas Besonderes, Einzigartiges zu sein. Gleichzeitig wird nicht verschwiegen, dass nicht alles gelingt. Es gibt schlimme, einschneidende Erlebnisse in jeder Biografie. Doch im Vertrauen auf und Frieden mit Gott dürfen wir Hoffnung haben, glücklich und heil an unserer Seele zu werden.

Martijn Wagner

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