Wenn die Seele krank ist

… dann wird über kurz oder lang auch der Leib daran erkranken. Weil dem aber so ist, liegt die Notwendigkeit nahe, die kranke Seele zu heilen. Wir können Ärger schlechthin, also z. B. geplatzte Hoffnungen, schmerzliche Enttäuschungen, verletzte Gefühle nicht immer von uns fernhalten. Aber besonders schlimm ist es, wenn solche Belastungen gehäuft auftreten oder uns völlig unvorbereitet treffen. Die Frage ist, wie wir damit umgehen.
Was in uns vorgeht, können wir an anderen oft besser, weil objektiver, beurteilen. Ein Freund hat Sorgen und Nöte. Er hat Angst vor einer bevorstehenden Prüfung oder Operation. Grund seiner Sorgen kann aber auch die Familie oder der Arbeitsplatz sein. Je mehr er Vertrauen zu mir hat, desto offener wird er mit mir darüber reden. Für Dinge, die uns sehr tief in der Seele belasten, finden wir nur schwerlich Worte. Wir wollen sie uns selbst und anderen gar nicht eingestehen. Das entspricht etwa dem Kranken, der seine Krankheit nicht wahrhaben will. Aber je größer Vertrauen und Nähe zwischen Menschen sind, desto weniger bedarf es der Worte. Der Leidende bedarf nicht der vielen guten Ratschläge, verbunden mit dem unausgesprochen Vorwurf, dass er ja auch selbst mit schuld sei an seiner Misere. Er möchte im wörtlichen oder übertragenen Sinn eine Hand auf seiner Schulter spüren. Er sucht die Geste, die nur weniger Worte bedarf, um Nähe und Zuwendung auszudrücken. Der Leidende ist sich ganz sicher, weiß es aus seiner Erfahrung oder nimmt es im Moment intuitiv wahr, dass sein Freund es gut mit ihm meint. Das allein ist ihm Hilfe genug. Er spürt die Liebe, die keinen Schaden anrichtet, nicht ins Leere geht, sondern immer nur Gutes tut und Segen wirkt. Das ist das Wunder der Liebe, dass wir durch Geben reich werden. Oft versprechen wir einem Freund, ihn in unseren Gedanken zu begleiten oder in einer besonderen Situation im Gebet mit zu tragen. Wie schnell aber ist es im Alltagsgeschäft vergessen oder vielmehr noch durch eigene Befindlichkeiten überschattet. Der Ärger über meine eigenen Missgeschicke nimmt mir die Kraft, für einen andern da zu sein. Daran gibt es für mich gar keinen Zweifel. Das ist gelebte Wirklichkeit. Deshalb gedenke ich in schweren Zeiten ganz bewußt der Not und Bedrängnis meines Nächsten. Ich erinnere mich an mein Versprechen. Damit wird die wenige Kraft, die mir bleibt, zum Segen für uns beide. Letztlich kann eine kranke Seele nur durch Liebe geheilt werden.

Jakobus beschreibt uns in seinem Brief im 5. Kapitel im 16. Vers mit kurzen klaren Worten eine sichere Therapie, um an Leib und Seele gesund zu werden. Fehlverhalten offenzulegen und zu bereuen, erfordert Mut und Vertrauen. Aber es lohnt sich – ja mehr noch – es ist der einzigige Weg, um Freiheit zu erlangen.

Jürgen Fischer

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