Gott ist aber klein!

… so die Worte eines kleinen Jungen, der am Heiligen Abend mit seiner Großmutter in einer Kirche die Krippenlandschaft bewundert und plötzlich das winzige Kind in der Krippe entdeckt.

Zu allen Zeiten erwarteten die Menschen im Erscheinen Gottes etwas Großes, Herrliches, Mächtiges und Gewaltiges, aber Gott kommt uns zunächst als ein winziges Kind entgegen - und das hat seinen Sinn, denn an seine Größe würden wir nie heranreichen können. Wer ihm begegnen will, muss sich nicht recken und groß machen, sondern mit der Einfalt eines Kindes „herab neigen“. Wem das gelingt, dem kann die Offenbarung Gottes zuwachsen, zum vollen Maß des Glaubens.

Ich schreibe diese Zeilen „zwischen den Jahren“, komme also gerade aus dem Weihnachtsgeschehen und will mich einlassen auf den Palmsonntag, oder wie der Liturgische Kalender sagt „Palmarum“. Bei meinen Vorbereitungen bleibe ich bei einem Bild des Pastors Klaus Eulenberger stehen:

Jesus Christus geht von dem Scheitelpunkt eines Kreises von Gott aus und aus Gott heraus, verlässt die Einheit mit ihm, bewegt sich konsequent auf der Kreislinie unaufhaltsam nach unten, wechselt auf diesem Weg die Gestalt, wird denen immer ähnlicher, die „unten“ sind, bis er nicht mehr zu unterscheiden ist von ihnen, stirbt den Tod des Menschen.
Als er diesen Tiefpunkt durchmessen hat, ergreift ihn der, aus dem er hervorgegangen ist, zieht ihn auf der anderen Hälfte der Kreisbahn wieder zu sich und wird eins mit ihm, den er beinahe verloren hätte; der Verlorene aber ist wiedergefunden, der Tote lebendig geworden. Der in die Ferne und ins Untere Gegangene ist auf seinem Umlauf ein anderer geworden, der auch den verändern wird, den er zurückgelassen hat.
Wie kann ich das alles verstehen, der ich auf deutsche Übersetzungen angewiesen bin, die Urtexte nicht lesen kann und die in der Bibel verwendeten Bilder der damaligen jüdischen Tradition nicht mehr kenne?
Wie kann ich verstehen, dass Jesus aus eigenem göttlichen Antrieb handelt, gleichzeitig aber festzustellen ist, dass er gehorsam dem Plan Gottes, seines Vaters folgt?
Wie korrespondieren Erniedrigung und Erhöhung miteinander?

Jesus verlässt den Vater, verzichtet auf Privilegien, entledigt sich seiner göttlichen Gestalt und wird den Menschen gleich, weder zum Schein noch gezwungen, sondern aus eigenem Antrieb, aber in dem Bewusstsein, dass es so geschehen muss. Als Mensch ist er der Ignoranz, dem Unverständnis und den Verfolgungen seiner Zeit schutzlos leidend ausgesetzt. Als Gottessohn schaut er in die Herzen und überwindet den Hass, selbst durch den Tod hindurch, mit seiner Liebe.

Die Süddeutsche Zeitung brachte in ihrer Osterausgabe 2009 in einem Kommentar zum Ausdruck: „Ohne Scheitern keine Erlösung, ohne Tod kein Leben, ohne Zweifel und Verzweiflung kein Glauben. Diese Oster-Paradoxie (scheinbar, widersprüchlich) ist ein Wesensmerkmal des Christentums, das einen Platz für das Gebrochene und Leidende, für das Unvollkommene, Abgründige, Zweifelnde bietet“.

Das Leiden, das Zerbrochene, das Nicht-Wissen finden in Christus Halt. Die Geschichte einer brasilianischen Frau macht das deutlich:

Der Sohn dieser Frau stellt den Lebensunterhalt für beide sicher, indem er auf einer Müllkippe sammelt. Ein schreckliches Bild, das auch schon über unsere Bildschirme geflimmert ist. Er wird von der Polizei ermordet, die Mutter versteinert in ihrer Trauer. Ihr Glaube aber hält sie: „An wen sollte ich mich denn sonst klammern, wenn nicht an Gott – und wenn ich mich nicht in seiner Hand fühlen kann?“ Dorothee Sölle kommentiert diese Geschichte so: „Die Gewalt hat ihr das Liebste genommen, aber der Tod kann ihr nicht die Liebe nehmen, die in ihr wohnt.“

Hier erahne ich was Paulus aussagen will, wenn er im Brief an die Römer schreibt: „Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns?“
Das wird Trost sein in einer Zeit wo der Zeitgeist uns kräftig entgegen bläst, wo wir konfrontiert werden mit immer neuen Problemen, wo immer weniger Glaube an Gott anzutreffen ist und wo die Spaßgesellschaft immer weniger Leidensfähigkeit produziert.
Ich darf mich darauf verlassen, dass Gott den Schwachen rettet, darf mich darauf verlassen, dass Gott mächtig ist. Erinnern wir uns an den kleinen Jungen, der mit seiner Großmutter an der Krippe steht. Vielleicht haben die umstehenden Erwachsenen über seine Ausführungen gelacht und ihn in seinen Überlegungen nicht ernst genommen. Jesus stellt jedoch gerade ein Kind in die Mitte seiner Überlegungen, ein Kind das der Fürsorge, des Schutzes bedarf. „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder …“

Was zeichnet ein Kind aus? Kinder sind neugierig, lernbereit, unternehmenslustig und mit dem ganzen Herzen bei der Sache. Sie sind offenherzig, voll Vertrauen, bereit auf Antworten zu hören und sich formen zu lassen. Und wir, die Gotteskinder? Auf welchen Gott verlassen wir uns? Wovon wollen wir uns formen lassen? Vom Gott der „dickes Bankkonto“ heißt, vom Gott der sich Karriere nennt, oder vom Gott der Gesundheit?

Wie sieht unsere Bewegungsrichtung als Christ aus? Ist sie gleich der Richtung Jesu Christi? Wohin wollen wir und was tun wir dafür, um unser Ziel zu erreichen? Wie setzen wir Prioritäten, was lassen wir los?

In einem Musical (Ära), das eine junge Schwester aus unserem Bezirk getextet hat, werden die Umstände der Geburt Jesu beschrieben, sowie sein Tod und die Auferstehung angedeutet. Die Geschichte wird eindrucksvoll generations- und gemeindeübergreifend in Szene gesetzt. Hier sind Menschen in Bewegung. Das ist wunderbar!

Am Palmsonntag vor gut 2000 Jahren waren auch viele Menschen in Bewegung. Sie erwarteten Großartiges von Jesus. Sie jubelten ihm zu, doch es waren die gleichen Menschen, die später riefen: „Kreuziget ihn!“ Sie sahen nur das was vor Augen war und erkannten nicht, dass Jesu Reich nicht von dieser Welt ist. Um im Bild des Kreise (s.o.) zu bleiben: Sie verharrten auf dem Tiefpunkt.
Bis heute ziehen Menschen auf diesem Tiefpunkt ihre Kreise, aber sie kreisen letztendlich vergeblich immer nur um sich selbst. Mit Jesus ist der Weg aus diesem Tiefpunkt heraus frei geworden. Wollen wir ihm folgen? Wollen wir uns von Gott „heraufziehen“ lassen? Um diesen Weg für uns frei zu machen ist Jesus am Kreuz gestorben. Apostel Baron sagte an dieser Stelle häufig: „Billiger war es nicht zu haben“.

So klein und unscheinbar Gott Mensch geworden ist, so unfassbar groß war und ist seine Liebe zu uns. Seine Gnade mag uns diese Erkenntnis schenken und uns zu begeisterten und begeisternden Nachfolgern Christi machen.

Werner Amann

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