Unsere Ursprünge – unser Weg 2

Die Katholisch-Apostolischen Gemeinden

Eine weitere Folge unserer Reihe „Apostolische Kirchengeschichte“, die auch in den kommenden Ausgaben ihre Fortsetzung finden wird.

Im ersten Teil unserer Geschichtsserie ging es um die Erweckungsbewegung und die Anfänge bis zu den ersten Apostelrufungen. Im weiteren Verlauf kam es dann zu einer Institutionalisierung kirchlicher Formen und zu einer gewissen Separation von anderen Kirchen. Dies soll in diesem Beitrag dargestellt werden.

Nach der Wiederbelebung des Apostelamtes verstand sich die Bewegung selbst als ein „Werk des Herrn“ zur Vollendung und Einigung seiner weltweiten, gespaltenen Kirche. Zu dieser Zeit hatte die Bewegung bereits sieben Gemeinden in London, die von ihren ursprünglichen Kirchen und Gemeinden meist wegen der Zulassung der Geistesgaben ausgeschlossen worden waren:

1. Irvings Gemeinde auf der Newman Street
2. die Old French Chapel-Gemeinde von Pfarrer J.L. Miller in Bishopsgate
3. die Salem Chapel von Pfarrer Armstrong in Southwark
4. die frühere Park Chapel von Pfarrer H.J. Owen in Chelsea sowie
5. eine Gemeinde in Islington,
6. eine Gemeinde in Paddington und
7. die Gemeinde in Westminster

Diese Gemeinden verstanden sich aufgrund prophetischer Worte analog zu den sieben kleinasiatischen Gemeinden der Offenbarung (Off 2 und 3) und den sieben Säulen des jüdischen Tempels als „Rat von Zion“ und Abbild der wahren Kirche, obwohl noch unvollständig.

Die gerufenen Apostel, die am 14. Juli 1835 in London für ihre Sendung in die christliche Kirche (= Allgemeine Kirche) vom „Rat von Zion“ ausgesondert worden waren, gingen danach für ein Jahr zur Vorbereitung auf ihre Aufgabe in Albury in Klausur.

1836 erklärte Apostel Henry Drummond aufgrund einer Prophezeiung, Christus wolle den Aposteln als den „Fürsten der Stämme Israels“ die christlichen Länder anvertrauen:

Stamm Gebiet und Apostel

Juda England Apostel: Cardale
Ruben Schottland und protestantische Schweiz Apostel: Drummond
Gad Dänemark, Belgien und Niederlande Apostel: Kingchurch
Asher Italien Apostel: Perceval
Naphtali Irland und Griechenland Apostel: Armstrong
Manasse Österreich und Süddeutschland Apostel: Woodhouse
Simeon Frankreich und die katholische Schweiz Apostel: Dalton
Levi Polen Apostel: Tudor
Issachar Norddeutschland Apostel: Carlyle
Sebulon Spanien und Portugal Apostel: Sitwell
Joseph Russland Apostel: Dow
Benjamin Norwegen und Schweden Apostel: Mackenzie

Die Aufteilung erfolgte eher typologisch anhand von bestimmten nationalen Charakteristika als geographisch oder politisch. Juda wurde als Sitz des „Rates von Zion“ und bereits bestehender Gemeinden dem erstberufenen Apostel Cardale anvertraut. Noch vor der Erfüllung des apostolischen Auftrages wurde in den Einzelgemeinden das vierfache priesterliche Amt (Ältester, Prophet, Evangelist und Hirte) eingeführt. Selbst bezeichneten sich die Gemeinden als „Gemeinden gesammelt unter Aposteln“ und nur durch eine Kuriosität beim einzigen Zensus der englischen Regierung über Religionszugehörigkeiten von 1851 kam der Name „Katholisch-Apostolische Gemeinden“ auf. In der Newman Street-Gemeinde wurde man von den Statistikern gefragt, welcher Konfession/Denomination man angehöre und es wurde geantwortet: wir gehören zur „einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche“ (vgl. notae ecclesiae) worauf der Zensusbeamte als Konfession „Katholisch-Apostolische Kirche“ notierte.

Apostel Thomas Carlyle besuchte wahrscheinlich noch 1836 zusammen mit Archibald Campbell Barclay seinen Stamm, während Apostel Francis Woodhouse zusammen mit Apostel Henry Drummond und dem Engel-Evangelisten William Caird seinen Stamm erst anlässlich der Übergabe des Testimoniums an den österreichischen Kaiser 1838 besuchte. Die anderen Apostel besuchten ebenfalls in Begleitung eines Mitarbeiters ihre Arbeitsgebiete.

Weihnachten 1838 (1260 Tage nach ihrer Aussonderung) trafen sich die Apostel wieder in Albury um sich gegenseitig einen Bericht ihrer Eindrücke, Erfahrungen und Begegnungen ihrer Reisen zu geben. Sie widmeten sich dann einem inneren Aufbau der katholisch-apostolischen Gemeinden (KAG), die als ein Muster, ein Bild der allgemeinen, christlichen Kirche verstanden wurden. Ihr Sendungsauftrag war zutiefst endzeitlich-ökumenisch und die Spaltung der Christenheit wurde tief bedauert und ihre Überwindung aktiv herbeigesehnt. Die Apostel entwickelten eine umfangreiche schriftstellerische Arbeit und die Theologie der KAG befasste sich häufig mit den sogenannten drei „E“: Ekklesiologie, Eucharistie, Eschatologie. Es geht hier um das Wesen der Kirche und das Kirchenverständnis inklusive der Ämter, dann um den Lobpreis und die Anbetung Gottes und die richtige Art Gottesdienst zu feiern sowie schließlich um die endzeitlichen Erwartungen und Ereignisse vor der Wiederkunft Christi deren unmittelbare Nähe man gegeben sah.

In Bezug auf die Eucharistie muss noch angemerkt werden, dass die KAG hier in einer orthodoxen und katholischen Auffassung an ein Opfer während des sonntäglichen Gottesdienstes glauben ebenso wie an eine Realpräsenz Christi und eine Transsubstantiation (Verwandlung) der Gaben Brot und Wein. Die eher symbolische Bedeutung des Abendmahls als Gedächtnisfeier wie es viele protestantische Kirchen lehren, wird abgelehnt. Der sonntäglichen Eucharistiefeier kam im Gemeindeleben eine ganz besondere Bedeutung zu.

Die eschatologischen (also endzeitlichen) Erwartungen der KAG gehen stark auf Irvings Lehren aufgrund von Manuel Lacunzas Werk „Das Kommen des Messias in Herrlichkeit und Majestät“ von 1827 zurück, wie auch auf die französischen Philosophen Faber und Frère. Der Kern dieser Vorstellungen besteht darin, dass man sich in der Endzeit wähnte und die Wiederkunft Christi unmittelbar bevorstünde. Auch wurde hier die Lehre, die heute noch in apostolischen Gemeinschaften anzutreffen ist, entwickelt, dass Christusgläubige bei der Wiederkunft entrückt würden und nicht am Jüngsten Gericht teilnehmen müssten.

1839 kehrten die Apostel in ihre Auftragsgebiete zurück. Der „Missionserfolg“ war recht unterschiedlich. In orthodoxen Ländern konnten keine Gemeinden gegründet werden. Schwierigkeiten gab es in römisch-katholischen Ländern, wo in Frankreich und Irland Gemeinden gegründet werden konnten. Den größten Erfolg gab es in protestantischen Gebieten, besonders Norddeutschland. Auch in Amerika, Kanada und Australien gelang es, Gemeinden zu errichten. Am 4. September 1840 wurde in einer von Henry Drummond gestifteten neu erbauten Kirche in Albury der erste Gottesdienst gehalten. Drei Tage vorher wurden die monatlichen Zusammenkünfte der Amtsträger der Londoner Gemeinden, des „Rates von Zion“, untersagt, da es zu Auseinandersetzungen über die Amtsvollmacht der Apostel gekommen war. Es ging um die Frage, ob die Lenkung der Kirche durch die Apostel erfolgen solle oder diese nur ausführende Organe des „Rates von Zion“ und der Propheten seien. Schon unter Irving und Gemeinden in presbyterianischer Tradition war das eine Frage, die durch die dann längere Abwesenheit der meisten Apostel in ihren Wirkungsgebieten erneut gestellt wurde. Dies stellte die erste von drei Krisen der KAG dar, sie ist gekennzeichnet von einer Autoritätskrise. Eine weitere Auseinandersetzung gab es um die Ämter in ihrer „allgemeinen/universellen“ (Apostel, Ämter mit dem Apostel) und „lokalen“ (Engel mit den Ältesten, Propheten, Evangelisten und Hirten) Ausprägung. Es wurde fein zwischen Ämtern der „allgemeinen Kirche“ (also einer Sendung an die ganze Christenheit, die de facto aber doch nur in den eigenen Gemeinden ausgeübt wurde) und Ämtern der Ortsgemeinde unterschieden. Die Apostel erstellten eine Erklärung, nach der sie die Kirchenleitung innehätten, was von den meisten Gemeinden akzeptiert wurde. Institutionelle Aspekte überwogen hier die charismatischen: prophetische Äußerungen in den Gemeinden wurden von den Engeln ausgelegt, diejenigen auf höherer Ebene von den Aposteln, denn die Propheten seien keine Ausleger der eigenen Worte, was bisher teils so gehandhabt wurde und zu Problemen führte. Es stellte in gewisser Weise einen Wendepunkt in der KAG dar, denn nun war das prophetische Wort dem apostolischen unterstellt. Dennoch wurde auf das prophetische Wort in vielerlei Hinsicht größter Wert gelegt, da es als eine der wesentlichen Gaben des Heiligen Geistes verstanden wurde, die beleuchtet, erklärt, mahnt und ruft. Sämtliche Amtsrufungen erfolgten durch Prophetenwort. Auch wurde klar geregelt, wie die prophetischen Äußerungen abzulaufen hätten, welchen Inhalt sie haben sollten und wer sie auslegte. Ebenfalls wurde die Stellung der ordinierten Propheten zu den anderen Ämtern beschrieben. Weihnachten 1840 ging die zwölffache Aposteleinheit deshalb verloren, da Apostel Mackenzie sein Amt nicht mehr ausübte, da er diesen Beschluss nicht mittragen wollte.

Im September 1842 wurde in der Kirche in Albury eine umfangreiche Gottesdienstordnung (=Liturgie) eingeführt, die auf altchristliche, römisch-katholische, anglikanische und besonders orthodoxe Liturgien zurück griff. Dies wurde als erster Schritt verstanden, die unter Aposteln gesammelten Gemeinden und schließlich alle Christen zu einer einheitlichen Form der Gottesanbetung zu führen. Die „richtige“ Form des Gottesdienstes wurde als ausgesprochen wichtig erachtet.. Dazu gehörte insbesondere der Lobpreis, das Sündenbekenntnis und die Feier des Abendmahls (siehe weiter oben). Außerdem gab es offenbar bei den häufig aus protestantischen Kirchen stammenden Mitgliedern ein Bedürfnis, die besonderen Glaubensinhalte und die Endzeiterwartung in einer zeremoniellen Bereicherung zu feiern. Die vollständigen liturgischen Formen konnten nur in wenigen Gemeinden ausgeführt werden, da es dazu der Vollzahl der Ämter vor Ort bedurfte und diese nur in wenigen Gemeinden erreicht wurde, so z. B. in der Zentralkirche in London (am Gordon Square) und in Berlin. Es gab täglich vier Gottesdienste: den Morgendienst um 6 Uhr, Gebetsdienste um 9 Uhr und 15 Uhr und den Abenddienst (Vesper) um 17 Uhr. Sonntags um 10 Uhr und an Feiertagen wurde die Eucharistie gefeiert. Bis 1880 folgten acht weitere, teils erweiterte Liturgieausgaben. Ab 1850 erschienen auch die ersten nichtenglischen Liturgien. Mit der 3. Ausgabe der Liturgie (1851) akzeptierten alle zehn Apostel die von dem Apostel Cardale ausgearbeiteten Dienste. Die Liturgie wurde im Verlauf der Jahre in die Sprachen Deutsch, Französisch, Dänisch, Italienisch, Holländisch, Schwedisch, Lettisch, Polnisch und Norwegisch übersetzt; Teilübersetzungen erfolgten in Russisch, Wendisch (Sorbisch) und Estnisch. Neben der Entwicklung der Liturgie kam es zu einer reichen literarischen Tätigkeit, die mehr als 100 Jahre bis in die 1960er Jahre andauerte. Die Finanzierung der Kirche war durch den Zehnten geregelt, der für eine vollamtliche Anstellung der Engel und möglichst weiterer Amtsträger sorgen sollte, was aber nicht überall gelang, da die Mittel zu knapp waren. Weiterhin gab es noch freiwillige Spenden für andere Zwecke und regelmäßige Sammlungen zur Armenunterstützung (Diakonie).

Fortsetzung folgt.
Volker Wissen, Januar 2010

Quellen/Literatur:
Aarsbo, J.: Lebenslauf und Wirksamkeit der Apostel –
eine kurze Übersicht, Bearbeitung von Peter Sgotzai, Beerfelden 2004 (Dokument a-0003 auf www.apostolic.de)
Flegg, Columba Graham: Gathered under Apostles, Oxford 1992, ISBN 0-19-826335-X
Heath, Edward: Über die Gabe der Weissagung, Albury 1891 (Dokument a-0055 auf www.apostolic.de)
Obst, Helmut: Apostel und Propheten der Neuzeit,
Berlin 1990 ISBN 3-372-00193-1
Neuapostolische Kirche: Die Vollendung der Ordnungen – über die Geschichte des Evangelistenamtes in der Katholisch-Apostolischen Kirche, Zürich, o.J.
Newman-Norton, Seraphim: Die Zeit der Stille –
Geschichte der KAG von 1901-1971, 3. Ausgabe,
Leicester 1975 (Dokument a-0658 auf www.apostolic.de)
Schröter, Johannes Albrecht: Die Katholisch-Apostolischen Gemeinden in Deutschland und der „Fall Geyer“,
Marburg 1998, ISBN 3-8288-9014-8
www.apostolic.de - Internetseite mit vielen Fakten zur KAG und hunderten von deutsch- und englischsprachigen Dokumenten der KAG