Unsere Ursprünge – unser Weg 3

Die Katholisch-Apostolischen Gemeinden

Eine weitere Folge unserer Reihe „Apostolische Kirchengeschichte“.

Zwischen 1840 und der Einführung der apostolischen Handauflegung 1847 ging die Anhängerschaft in England zurück. 1843 wurden mehrere Gemeinden geschlossen, den Gläubigen nahegelegt, die anglikanische Kirche zu besuchen.

Anders in Deutschland, wo sich Apostel Carlyle ein ganzes Jahr in Berlin aufhielt und ab 1843 längere Zeit in Leipzig und Dresden. Er lernte schnell Deutsch und verfasste 1843 unter Mitarbeit des Evangelisten Charles Böhm die erste Schrift der katholisch-apostolischen Bewegung in deutscher Sprache: „Die Kirche unserer Zeit – Ein Wort an Geistliche und Laien“.

Seine wichtigsten Mitarbeiter in Deutschland waren der Prophet J. Smith, der Evangelist J. Barclay, der Hirte F.W.H. Layton und der Engel-Evangelist Charles Böhm. Letzterer war Däne und besuchte mit Apostel Kingchurch auch 1838 zum ersten Mal Dänemark und überreichte dort 1854 das Testimonium. Bis 1858 besuchte er mehrfach Dänemark, wo 1861 in Kopenhagen die Hauptgemeinde gegründet werden konnte.

Die evangelistische Arbeit in Deutschland lag während der 1840er Jahre fast ausschließlich bei Caird, Böhm und Barclay, die Kontakte zu einflussreichen Personen aus Kirche und Staat suchten und fanden. 1842 kam Caird mit dem römisch-katholischen Dekan J.E.G. Lutz zusammen, in dessen ehemaliger Gemeinde Karlshuld/Donaumoos 1827-28 eine charismatische Erweckung mit der Bitte um Wiederaufrichtung des Apostolats stattgefunden hatte. Lutz hielt sich daraufhin wie weitere römisch-katholische Priester in Süddeutschland zur katholisch-apostolischen Gemeinde. Sie wurden allerdings von Apostel Woodhouse aufgefordert, weiterhin Geistliche der römischen Kirche zu bleiben. 1842 kam der angesehene deutsche lutherische Theologieprofessor Heinrich Wilhelm Josias Thiersch mit den KAG in Kontakt und schloss sich dieser spätestens 1847 an, wobei im Oktober 1847 in Frankfurt a.M. die erste KAG-Gemeinde in Deutschland gegründet wurde. Der Aufbau glückte jedoch nicht, und am 18. März 1847 wurde in Berlin durch ab 1843 gesammelte Anhänger die erste Gemeinde gegründet, die ausgebaut werden konnte und später die größte Gemeinde Deutschlands wurde. Im Januar 1848 zog Apostel Carlyle daher von Frankfurt a.M. nach Berlin.

Erst im Januar 1846 kam es wieder zu einer Apostelversammlung, zu der jedoch Apostel Dalton nicht erschien, der wieder als anglikanischer Geistlicher arbeitete. Auch 1846 erst wurden die Zusammenkünfte des Apostels mit den Engeln der englischen Gemeinden (= Rat von Zion) wieder aufgenommen. Durch die Querelen und den Weggang von Gemeindegliedern und Amtsträgern, war die dringende Naherwartung der Wiederkunft zurückgegangen. Außerdem fehlte es an Mission. Es kam zur zweiten Krise, die von Apathie gekennzeichnet war. Deshalb wurde 1847 die Versiegelung eingeführt. Durch prophetische Worte war auf die Bedeutung der „apostolischen Handauflegung“, der „Versiegelung mit dem Heiligen Geist“ hingewiesen worden. Diese Handlung war anfangs kein Sakrament und wurde am 31. Mai 1847 zuerst von Apostel Cardale an den drei Pfeilerämtern durchgeführt; später dann auch von anderen Aposteln, in anderen Gemeinden und an Laien. Außerdem wurde sie wohl an einer nicht unerheblichen Anzahl nicht-katholisch-apostolischer Gläubiger vollzogen. Sie wurde nur an erwachsenen Mitgliedern älter als 20 Jahre durchgeführt und sie galt als Segnung zur Vollendung und Errettung in der Endzeit. Sie sollte den Mitgliedern „neuen geistlichen Schwung“ vermitteln. Es wurde außerdem erwartet, dass wenn je 12.000 Glieder aus allen Stämmen versiegelt wären, die Wiederkunft käme.

Die fehlende Aposteleinheit führte auch zu unterschiedlichen Sichtweisen unter den Aposteln. Carlyle erwartete zum Beispiel, dass die Apostel die Führung der Christenheit nach einer Aussendung in Vollmacht übernähmen, doch erwarteten dies die anderen Apostel auch noch, und wäre diese Führungsaussendung ohne die Zwölfzahl möglich? Pfingsten 1851 kam es zu einer Apostelversammlung . Im Vorfeld waren Verhandlungen über die Wiederaufnahme des Amtes durch Mackenzie und Dalton gescheitert und es wurde keine Einigung über eine Ergänzung des Apostelkollegiums gefunden.

1852 war die Gemeinschaft gewachsen und einige Apostel waren altersschwach. Daher wurde jedem das Recht zu einer dauerhaften Vertretung und Unterstützung in Form eines Koadjutors zugestanden, welches später noch durch sogenannte „Apostolische Delegationen“ erweitert wurde. 1855 starb Apostel Carlyle und Apostel Woodhouse übernahm sein Arbeitsgebiet. Im gleichen Jahr starben die Apostel Mackenzie und Dow. Die Apostel standen erneut vor der wichtigen Frage, ob die Verstorbenen ersetzt werden sollten. Man kam jedoch nach reiflichen Überlegungen und Zuziehung der Propheten zu dem Schluss, dass die Schrift dazu keine Ermächtigung gäbe.

Im Juli 1859 wurde Charles Böhm als erster zu einem Apostel-Koadjutor berufen, sein besonderes Arbeitsgebiet war Norddeutschland, wo während seiner Amtstätigkeit zahlreiche Gemeinden entstanden. Ab 1870 war Böhm auch als Apostel-Koadjutor in Russland tätig. 1859 starb Spencer Perceval, 1860 Henry Drummond. Es lebten nun noch sieben Apostel.

Der deutsche Engelprophet Heinrich Geyer rief bei einer Apostelversammlung 1860 in Albury zwei neue Apostel, was jedoch nach sofortigem Abbruch der Versammlung und Beratungen verworfen wurde. Sie wurden stattdessen zu apostolischen Koadjutoren eingesetzt.

Trotzdem kam es in der Folge zur dritten Krise, die als einzige zu einer Spaltung führte. Durch die neuapostolische Geschichtssozialisation, die mit dieser Spaltung beginnt, wird meist verkannt, dass die katholisch-apostolischen Gemeinden gerade ab 1860 in ihr eigentliches inneres und äußeres Wachstum übergingen. In Preußen konnten bis 1863 28 Gemeinden gegründet werden, ab 1863 weitere auch in den westlichen Provinzen Rheinland und Westfalen.
Außerhalb Preußens wurden in Deutschland nur sechs Gemeinden in Marburg, Kassel, Hamburg, Ulm, Leipzig und Seifertshofen gegründet.

1861 starb Apostel Tudor und 1862 der Pfeilerprophet Oliver Taplin. 1864 starb dann Apostel Sitwell und 1865 Apostel Kingchurch, Apostel Dalton folgte 1869. 1877 verstarb dann auch der Pfeilerapostel Cardale. Alle Verantwortung lag nun auf Francis Valentine Woodhouse, da Apostel Armstrong schwer erkrankt war und am 9. Oktober 1879 starb. Seit 1858/60 wurde bereits in Stellungnahmen der Apostel eine Zeit ohne Apostel erwartet. Apostel Woodhouse leitete die Kirche als einziger Apostel 21 Jahre lang.

Am 7. November 1900 fand in Köln die letzte apostolische Handauflegung im Stamm Norddeutschland statt. Zu dieser Zeit zählte die Ratsversammlung in Albury noch 41 Mitglieder. Bis 1891 konnte Apostel Woodhouse noch die sonntägliche Eucharistiefeier in Albury leiten. Am Sonntag, dem 3. Februar 1901 verstarb er als letzter Apostel gegen 13 Uhr in seinem Wohnsitz „The Grange“ in Albury Park im Alter von fast 96 Jahren, einen Tag nach der Beisetzung der englischen Königin Viktoria.

Der Tod kam nicht überraschend dennoch hatte es in den KAG die Hoffnung gegeben, dass sein Leben bis zum Kommen des Herrn verlängert werden möge. Nun waren keine weiteren Amtsrufungen in höhere Ämter mehr möglich und Teile der sonntäglichen Eucharistiefeiern und anderer gottesdienstlicher Handlungen entfiel bzw. musste eingeschränkt werden.

Die Gemeinden breiteten sich dennoch weiter gut aus. 1901 gab es weltweit 938 Gemeinden mit ca. 200.000 Mitgliedern. Davon allein 315 im Stamm Juda (= England). In Norddeutschland gab es 1901 305 Gemeinden mit ca. 60.000 Mitgliedern und 43 Gemeinden mit ca. 6.000 Mitgliedern in Süddeutschland. In Schottland gab es 28, in Irland 6 Gemeinden. In der Schweiz gab es 41, in Österreich-Ungarn 8 Gemeinden; in Frankreich 7, in Italien 2, in Belgien 3 und in den Niederlanden 17; in Dänemark 59, in Schweden 15 und in Norwegen 10; in Russland, Finnland, dem Baltikum und Polen 18; in den USA 29, Kanada 12 und in Australien 15 sowie Neuseeland 5.

1901, nach dem Tod des letzten Apostels, hat für die Gemeinden die „Zeit der Stille“ begonnen, die von einem freiwilligen Verzicht auf jede weitere Ausbreitung und dem natürlichen Abbau der Ämter bis zur Wiederkunft Christi gekennzeichnet ist. Die Apostolischen Gemeinden sollen lernen, der ganzen Kirche voranzugehen im Bekenntnis der großen, gemeinsamen Schuld. Die „Zeit der Stille“ wird in drei Abschnitte eingeteilt. Die beiden verbliebenen Koadjutoren Capadose und Heath übernahmen die Leitung der KAG, beschränkten sich jedoch im Wesentlichen auf die spirituelle Beratung und Betreuung der Engel und Gemeinden. In den Gemeinden war der Mangel nicht sofort zu erkennen, da vielfach jüngere Amtsträger vorhanden waren.

Im August 1901 entschieden die Koadjutoren, dass Amtsträger des Erzengelamtes zum Besuch der Gemeinden eingesetzt werden sollten. Sie waren zur Verfügung der Apostel gesetzt worden, um die Engel der Gemeinden und die ihnen anvertrauten Gemeinden zu besuchen, zu stärken, zu trösten und zu belehren. Ende 1901 und Anfang 1902 besuchten die Erzengel immer zu zweit die Gemeinden in allen Stämmen, besonders um sie auf die Dienste der Demütigung (= Bußbekenntnis) im Juli 1902 vorzubereiten. Anders als bei einer apostolischen Visitation forderten sie keine Berichte über die Lage der Gemeinden noch beurteilten sie die Tätigkeit der Amtsträger vor Ort. Im Mai 1902 hielten die Diener der Allgemeinen Kirche am Himmelfahrtstag und in der Folgewoche für sich in Albury Gottesdienste der Demütigung und des Sündenbekennens für die zerrissene Christenheit ab.

1908 verstarb einer der sieben Engel der Londoner Gemeinden und die „Ratsversammlungen von Zion“ wurden eingestellt. Im Jahre 1915, welches als bedeutsam angesehen wurde, weil es zweimal sieben Jahre nach Woodhouses Tod war, kam durch ein Wort der Weissagung eine Warnung, dass der Herr bald die Koadjutoren hinwegnehmen würde.

Am 13. Oktober 1920 verstarb dann der Koadjutor Capadose in Albury und am 29. August 1929 der letzte Koadjutor Edward Heath. Am 1. März 1931 verstarb der Erzengel Ludwig Albrecht und somit der letzte Amtsträger „mit dem Apostel“. Er war der letzte Amtsträger der „allgemeinen Kirche“, es blieben nur noch Amtsträger der „lokalen Kirche“.
Mit dem Tod der Engel der Gemeinden erlosch auch das Wort der Weissagung, denn es musste von ihnen ausgelegt werden, damit die Gemeinden nicht durch falsche Weissagung irrtümlich auf unrechte Gedanken gebracht werden konnten.

Die KAG wurde zu einem eher losen Bund unabhängiger Gemeinden. In England und anderen Ländern führte dies später zur Aufgabe und Abtretung vieler Kirchen an andere Konfessionen, wohingegen in Deutschland sogar bis in die 1960er Jahre (z.B. Düsseldorf) noch neue Kirchen von der zentralen Grundstücksverwaltung in Frankfurt gebaut wurden.
Die Gottesdienste wurden liturgisch immer stärker eingeschränkt und bestehen heute noch aus einer Litanei, Schriftlesungen, Gesang und Lesungen von Homilien und Predigten von Amtsträgern aus den Jahren vor 1971.
Von 1920 bis 1940 variierte die Atmosphäre in den einzelnen Gemeinden offenbar stark je nach Alter der Amtsträger und Mitglieder und der möglichen Aktivitäten. Der letzte deutsche Engel, Karl Schrey aus Siegen, verstarb am 3. November 1960, der letzte deutsche Diakon, Johannes Strelow aus Bremen, am 18. Oktober 1970.
Der letzte Amtsträger der KAG war der australische Diakon Charles William Leacock, der am 25. Juli 1972 starb.
In England sind die meisten Mitglieder zur anglikanischen Kirche gewechselt, die Gemeinden – bis auf die Londoner Gemeinde Paddington - aufgelöst. In den kontinentaleuropäischen Gemeinden hingegen wurde das Hilfsamt eines Unterdiakons (der auch noch von den letzten Priestern eingesetzt werden konnte) und von Laienhelfern bedeutender. Viele der Gemeinden auf dem Kontinent entwickelten eine Art Englandfreundlichkeit. In Paris besuchte die dahinschwindende Gemeinde lieber die anglikanische St. George-Kirche, als dass sie in die örtliche römisch-katholische Pfarrkirche ging, während die priesterlose Gemeinde in Den Haag begann, die Kapelle der Church of England zu besuchen. Dort kam es zu Komplikationen als Folge einer gegenseitigen Übereinkunft zwischen der Alt-Katholischen und der englischen Staatskirche, die ihnen nicht erlaubte, in den anglikanischen Glauben aufgenommen zu werden. Im April 1958 wurde eine kleine Konferenz zwischen Alt-Katholiken und den Anglikanern abgehalten, um die Situation zu diskutieren. Eine Folge davon war, dass die Mitglieder in der Alt-Katholischen Kirche aufgenommen, aber dem anglikanischen Kaplan in Den Haag zur Seelsorge überwiesen wurden. Für sakramentale Handlungen wie der Taufe und dem Abendmahl besuchen viele deutsche KAG-Mitglieder die evangelischen Landeskirchen.

1990 gab es in Deutschland noch 99 Gemeinden, 2005 ca. 40 Gemeinden mit ca. 6.000 Mitgliedern, was in etwa der Größe der Apostolischen Gemeinschaft entspricht (ca. 75 Gemeinden mit 5.900 Mitgliedern). Dort finden noch regelmäßig gut besuchte Gottesdienste statt. In den verbliebenen katholisch-apostolischen Gemeinden lebt die Erwartung eines zweiten, größeren Werkes als dem der Apostel, nämlich die „Aussendung der Siebzig“ aus verschiedenen Konfessionen, weiter. Auf dieses wird gewartet.

Volker Wissen, Januar 2010

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