Himmelsfahrtskonsequenz

Unterwegs in Erwartung des Kommenden

Benedikt XVI. schreibt: „Für uns, die wir seit je mit dem christlichen Gottesbegriff leben und ihm gegenüber abgestumpft sind, ist der Besitz der Hoffnung, der von der realen Begegnung mit Gott ausgeht, kaum noch wahrnehmbar.“
Ist das für mich eine falsche Behauptung oder erschreckende Realität? Ist der Besitz der Hoffnung bei mir wahrnehmbar? Wahrnehmbar in der Begegnung mit Gott! Hier wird es ganz praktisch. Wie sehen die realen Begegnungen mit Gott bei mir aus?

Wie war es den Jüngern ergangen, nachdem Jesus vom Tod auferstanden war? In der Apg 1,3 lesen wir: „Ihnen zeigte er (Jesus) sich nach seinem Leiden durch viele Beweise als der Lebendige und ließ sich sehen unter ihnen vierzig Tage lang und redete mit ihnen vom Reich Gottes.“ Jesus sagte seinen Jüngern voraus, dass sie mit dem heiligen Geist getauft werden, sie die Kraft des heiligen Geistes empfangen, der auf sie kommen wird und seine Zeugen sein werden (Verse 5+8). Ein zwangsläufig ablaufender Prozess: Kraft des heiligen Geistes empfangen und dann Zeugen werden! Im Umkehrschluss müssen wir feststellen, wenn wir keine Zeugen sind, haben wir die Kraft des Heiligen Geistes nicht empfangen!
Selbstprüfung ist angesagt! Lebe ich täglich in Erwartung der Gegenwart Jesu? Erwächst aus dem Erleben seiner Nähe der Wunsch nach einem ‚Noch mehr!’ mit Jesus?

Luther schreibt: „Der Glaube verbindet mich inniger mit Christus, als irgendein Ehemann mit seinem Weibe verbunden sein mag. Darum soll man den Glauben richtig lehren, nämlich so, dass du durch denselben mit Christus so verbunden und vereinigt wirst, dass aus dir und ihm gleichsam eine Person wird.“

Bleiben wir beim realen Geschehen: Vor fast 2000 Jahren wurde Jesus zusehends aufgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf vor ihren Augen weg (Vers 9). Seitdem ist er weg, ist er beim Vater. Nur durch den Heiligen Geist gibt es Kontakte. eine reale Begegnung mit Jesus kann es nicht geben. Wir können ihm nicht in die Augen sehen, seine Worte nicht hören, ihn nicht unmittelbar in seiner Herrlichkeit sehen. Es gibt Abbilder, Erfahrungen, eine Ahnung. Meinen wir, in der Anbetung und im Lobpreis, im Gebet, in der Heiligen Schrift u.v.m. einen wirklichen Ersatz zu haben und sind damit schon zufrieden?
Wenn wir unser derzeitiges Begegnungserleben mit Jesus bedenken, muss es da zwangsläufig nicht eine große Sehnsucht geben, die sich äußert im Wunsch: „Herr Jesus, noch mehr von Dir komme in mein Leben. Komme Du ganz in mein Leben. Lass mich Dich sehen, Herr Jesus. Lass mich Dich berühren, Herr Jesus. Lass mich Dich hören.“
Ich bin mir sicher, nur solches ehrliches Bitten ändert mein Leben und eine wirkliche Jesus-Sehnsucht wird durch mich in diese Welt kommen. Die Begegnung mit Jesus muss noch unvollkommen bleiben. Und deshalb beten erweckte Christen seit der Himmelfahrt: Maranatha, komme Herr Jesus, komme bald! Weil wir uns nach persönlicher Begegnung mit dem Erhöhten sehnen, leben wir in Erwartung des Kommenden – in Erwartung des Kommens der Macht und Herrlichkeit Jesu und sehnen uns nach dem Tag seines Erscheinens!

„Heute ist es nötig wiederzuentdecken, dass Jesus Christus nicht eine bloße private Überzeugung oder eine abstrakte Lehre, sondern eine reale Person ist, deren Eintreten in die Geschichte imstande ist, das Leben aller zu ändern.“ Auch das schreibt Benedikt XVI.

Das Leben ändern – wie? So, dass ich auf diesen einen Tag hin unterwegs bin.
In einem Lied aus dem Jahr 1874 singen die Christen: „Gib mir die Hand, die meine reich ich dir. Die Losung sei, zum Himmel reisen wir; der Vorsatz sei, den schmalen Weg zu gehen; die Sorge sei, im Kindessinn zu stehn; die Freude sei, dem Herrn das Leben weihn; die Ehre sei, von Gott geboren sein“ (SdH 423).
Ja, wir sind aufgefordert, auf dem Weg und in Bewegung zu bleiben. Dabei gilt es noch viele mitzunehmen, indem wir in ihnen aus der Kraft des Heiligen Geistes die Sehnsucht nach dem kommenden Jesus wecken.
Ob es ein Grund ist, dass Gemeinden sterben, persönlicher Glaube verflacht und so wenig Freude im Leben der Christen ist, weil der Grund der Freude festgemacht wird an Plagiaten von Jesus Christus?

Gert Loose

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