Volxbibel

Was hat es mit ihr auf sich? –
„Volxbibel“
Nahezu zeitgleich wurde ich zweimal auf die Volxbibel aufmerksam: Evangelist Rainer Spree (München) hat im Amtsblatt für den 17. Januar 2010 das Textwort um den Wortlaut in der Volxbibel ergänzt.

Römer 12, 9-11 (nach „Hoffnung für Alle“)
Eure Liebe soll aufrichtig sein. Und wie ihr das Böse hassen müsst, sollt ihr das Gute lieben. Seid in herzlicher Liebe miteinander verbunden, gegenseitige Achtung soll euer Zusammenleben bestimmen.

Römer 12, 9-11 (Volxbibel)

Leute, so eine Pseudoliebe ist doch total ätzend. Auf gute Sachen sollt ihr ruhig abfahren, aber auf böse Sachen sollt ihr kotzen. Liebt euch gegenseitig, tut das ehrlich und ohne dabei zu lügen.

Hier las ich erstmals Gottes Wort in dieser für mich ziemlich provokanten Sprache. Bei der Vorbereitung für den Gottesdienst lese ich zwar gerne noch aus anderen Übersetzungen, weil dann manche schwer erklärbaren Worte verständlicher werden. Aber diese? Ich fragte mich, in welchen Gemeinden dieser Text wohl – immerhin teilweise – Verwendung gefunden haben mag?

Dann erhielt ich die Einladung zur Allianz-Gebetswoche. Für den Freitagabend hatte das Allianz-Komitee auf Vorschlag der ,,Jesus-Freaks´´* die Vorstellung der Volxbibel mit Martin Dreyer vorgesehen. Das wollte ich erleben! Der große Saal des evangelischen Jugendhauses ,,Wartburg´´ war gut besucht. Meist waren es Jugendliche, dazu einige wenige Pfarrer, Pastoren und Gemeindeleiter unterschiedlichster Altersgruppen.

Der Referent

Martin Dreyer, der begeistert begrüßt wurde, stellte sich vor: Er ist Mitte 40. Erst mit 17 kam er zum christlichen Glauben. Er schlug verschiedene Bildungswege erfolgreich ab und fand schließlich seine Lebensaufgabe in der kirchlichen Sozialarbeit mit gefährdeten Jugendlichen in Köln. Er ist Gründer und ehemaliger Leiter der Jesus-Freaks. Jetzt arbeitet er unter anderem an der Volxbibel.
Das Anliegen

Bei seinen Bemühungen, jungen Menschen aus sozial schwierigen Verhältnissen – oft mit Migrationshintergrund, die Frohe Botschaft von Jesus Christus nahe zu bringen, stieß er immer wieder auf offensichtlich unüberwindbare Hindernisse die Sprache betreffend. Häufig bedienen sich die jungen Menschen einer sehr vereinfachten Sprache und/oder ihrer Muttersprache. Die Bibelsprache ist ihnen also völlig fremd und spezielle Begriffe des Glaubens können einfach nicht verstanden werden.
Will man ihnen also christlichen Glauben vermitteln, muss man ihre Sprache sprechen lernen. Und wenn sie dann daran interessiert sind, das Gehörte selbst nachzulesen, muss man ihnen eine für sie verständliche Literatur – sprich die Bibel – an die Hand geben. Aber welche?

Die Übertragung

Martin Dreyer entschloss sich, zuerst einmal einige für die Jugendarbeit wichtige Bibelabschnitte in zeitgemäße Sprache zu übertragen. Er fand Mitarbeiter, die zur Umsetzung des Vorhabens bereit waren: Theologen, Religionspädagogen, Prediger usw. Sie bearbeiteten unter Verwendung der Lutherbibel, der neuesten Elberfelder Bibel und der ,,Hoffnung für alle´´ nach und nach das gesamte Neue Testament und später auch das Alte Testament. Die Ergebnisse einzelner Arbeitsschritte wurden an interessierte Jugendkreise und Fachleute zur Stellungnahme gegeben. Die Resonanz war weitgehend positiv, wurde ausführlich diskutiert und schließlich nach gewissenhafter Abwägung eingearbeitet. Man war sich allerdings im Kreis der Übersetzer einig, dass sich die Umgangssprache – speziell der Jugendlichen – ziemlich schnell verändert.
So entstand ein einmaliges Konzept: Jeder kann mithelfen! Im Internet kann jeder seine eigenen Übersetzungsvorschläge unter http://wiki.volxbibel.com machen. Die Vorschläge werden von einem Team ausgewertet und in das nächste Update übernommen. So kann alle zehn Jahre eine in dem Sinne revidierte Ausgabe erscheinen, die sich an den veränderten Sprachgebrauch anpasst.

Zur Schreibweise

Die Vorsilbe „Volx“ kommt aus einer von jungen Menschen organisierten autonomen Küche für Obdachlose im Schanzenviertel von Hamburg – der „Volxküche“. Er steht für „von unten“, von den Leuten von der Straße, eben vom Volk.

Reaktionen von Theologen

Bereits 2006 kamen die ersten Rezensionen in die theologische Fachpresse. Bei allem Verständnis für das Anliegen der Übersetzer, wurde die Volxbibel sehr kritisch beurteilt, ja sogar als Gotteslästerung beschrieben. Mit großem Bedauern wurde eine fehlende Ehrfurcht vor dem Wort Gottes konstatiert. Kritisch wurde angemerkt, dass Martin Dreyer die griechischen und hebräischen Grundtexte nicht beherrscht. Die Verkündigung des Wortes Gottes im Gottesdienst bliebe bei einigen Zuhörern wiederum unverstanden. Gemeinsame Bibelarbeit sei außerdem nur schwer möglich, wenn unterschiedliche Bibelübersetzungen genutzt würden.

Nach Auffassung konservativer Theologen seien die Schöpfer der Volxbibel in ihrem Bemühen um eine in heutiger Zeit für jedermann verständlichen Sprache entschieden zu weit gegangen. Es wäre ein Jargon entstanden, der gelegentlich in die Fäkalsprache abgleitet. Es träte eine Verrohung der Sprache ein. Junge Menschen – so beklagen es Lehrer – würden immer unfähiger, sich schriftlich und mündlich angemessen auszudrücken.
Luther hätte seinerzeit im wesentlichen zur Schaffung einer einheitlichen deutschen Sprache beigetragen. Eine Verwendung der Volxbibel würde zum Abgleiten der Sprache ins Primitive führen.
Andere Theologen weisen darauf hin, dass Martin Luther damals schon sagte, man müsse dem Volk „aufs Maul schauen“ – und die oben angesprochene Zielgruppe ist Teil des Volkes.
Da die Menschen nicht mehr so reden wie zu Luthers Zeiten und auch nicht mehr wie in den 70er Jahren braucht es auch immer wieder neue Übersetzungen – um möglichst viele Menschen mit dem Wort Gottes zu erreichen.

An dieser Stelle noch ein paar ausgewählte Beispiele, um zu zeigen, wie bei der Übersetzung vorgegangen – und was sich dabei gedacht wurde.

Volxbibel NT Version 1.0
Matthäus Kapitel 5, 13-16

Kühlschränke und Licht – wie Christen in der Welt abgehen sollen
13 Ihr seid wie Kühlschränke für diese Welt, ohne euch würde alles Gute vergammeln. Wenn dieser Kühlschrank aber nicht mehr funktioniert, gehört er auf den Schrott, wo er verrotten soll.
14 Auch sehe ich euch wie einen 1000-Watt-Halogenstrahler, der es hell macht in der Welt. Wenn eine Stadt oben auf dem Berg liegt, kann man ihre Beleuchtung nachts ja auch kilometerweit sehen.
15 Wenn Du dir eine Lampe für dein Zimmer besorgst und nachts anmachst, dann stellst du sie dir ja auch nicht unters Bett. Ganz im Gegenteil, du hängst sie oben irgendwo auf, damit es im ganzen Zimmer hell wird.
16 Genau so soll auch euer Licht für alle Menschen sichtbar sein. So wie ihr lebt und drauf seid, daran sollen sie euren Papa im Himmel erkennen und von ihm begeistert sein.

Martin Luther
Matthäus Kapitel 5, 13-16

Salz und Licht
13 Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten.
14 Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein.
15 Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind.
16 So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.

Auslegungshinweis

Der Kühlschrank hält frisch, konserviert – Salz wurde damals überwiegend zu Konservierungszwecken genutzt. Andere Aspekte gehen bei der Übertragung auf den Kühlschrank hingegen verloren, z. B. Würzen (s. a. Mk 9, 50), Schärfe/Brennen, ist lebensnotwendig, war damals sehr kostbar usw.

Reaktion der
Römisch-katholischen Kirche

Zur allgemeinen Belustigung der Zuhörer sagte Martin Dreyer zum Schluss, er habe sich dazu durchgerungen, ein Exemplar an den Vatikan zu schicken, mit der Bitte um Stellungnahme. Die Antwort des Papstes lautete sinngemäß: Es sei eine gute Idee für Leute, die das Wort Gottes anders nicht verstehen. Wir (die kath. Kirche) brauchen das aber nicht, weder in der Messe, noch bei kirchlichen Handlungen oder zur Unterweisung. Unsere Leute verstehen das oder sie lernen es bei uns.

Mein persönliches Fazit

Insbesondere für die Arbeit mit Jugendlichen ist uns mit der ,,Hoffnung für alle´´ eine von allen gut verständliche Bibelübersetzung an die Hand gegeben, wenn die speziellen biblischen Grundbegriffe immer wieder erklärt werden. Es sollten keine Fragen offen bleiben hinsichtlich der „Bibelsprache“. Eine traditionell schlichte und klare Wortverkündigung sollte von allen – von den Jugendlichen bis zu den Betagten – verstanden werden. Fehlt es aber an einem Zugang zur Bibel – insbesondere bei jugendlichen Gästen – so kann die Volxbibel hilfreich sein, erste Schritte zu tun – in einer Sprache, die hauptsächlich von Jugendlichen gesprochen und auch verstanden wird. Die Volxbibel kann zum Vergleichen mit der gehörten Predigt anregen. Und in dem Maße wie der Jugendliche reift, reift auch seine Sprache und sein Verständnis für andere Bibelübersetzungen.

Hilmar Ludwig, Görlitz

*Gegründet wurden die Jesus Freaks im September 1991 in Hamburg von Martin Dreyer. Dreyer absolvierte Anfang der 1990er Jahre eine freikirchliche Pastorenausbildung in der Theologischen Ausbildungsstätte der Anskar-Kirche und wurde dort 1995 zum Pastor ordiniert.
Dachverband der Jesus Freaks ist der deutsche Verein Jesus Freaks International e. V. (JFI). JFI ist seit 1994 ein gemeinnütziger Verein und hat seinen Hauptsitz in Darmstadt. Die Mitgliederzahl in Deutschland wird 2007 auf etwa 2.000 geschätzt. (www.jesusfreaks.de)

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