Bekannte Lieder und wie sie entstanden

Glaubenszeugnis am offenen Grab: Jesus meine Zuversicht
Trauer herrscht am Hofe des Kurfürsten von Brandenburg im Sommer 1649, denn der Erbprinz ist an einer tückischen Krankheit gestorben, kaum dass er Mama und Papa sagen konnte. Der Tod des Kindes trifft ganz besonders die Mutter.
Louise Henriette von Brandenburg ist erst seit drei Jahren mit dem großen Kurfürsten verheiratet und ganze 22 Jahre alt. In reformiertem Glauben erzogen, lässt sie sich Trost von Christus zusprechen. Im Anblick ihres toten Sohnes dichtet die Kurfürstin das Lied „Jesus meine Zuversicht.“

Bis heute wird dieses Trostlied seit nunmehr 350 Jahren zu Beerdigungen gesungen. Aber die Dichterin dieses Liedes kennt niemand, und das neue Gesangbuch weist die Autorenschaft einem ganz anderen Dichter zu, nämlich dem Hofmeister des Kurfürsten: Otto von Schwerin. Der freilich hat es nur drucken lassen.
Der 30-jährige Krieg ist in dieser zeit gerade durch den westfälischen Frieden beendet worden. Die Menschen hoffen dankbar und glücklich einer harmonischen Zeit entgegen. Dieser Optimismus herrscht auch am brandenburgischen Hofe. Kurfürst Friedrich Wilhelm in Berlin hat sich einen umsichtigen Berater zur Seite gerufen. Otto von Schwerin, 1616 in Wietstock bei Ückermünde geboren, hat die Rechte studiert und gilt als frommer Mann. 1637 tritt er von der lutherischen zur reformierten Kirche über und gründet reformierte Gemeinden.

Auch Louise Henriette, Tochter des Fürsten Friedrich Heinrich von Oranien, Erbstatthalter der vereinigten Niederlande, hängt dem reformierten Glauben an. „Sie ist nicht nur eine der höchsten Zierden der Frauenwelt und des Fürstenthrones gewesen, sondern sie hat auch mit den köstlichsten geistlichen Liedern ihre heißgeliebte reformierte Kirche, wie die Evangelischen überhaupt, beschenkt“, schreibt ein Zeitgenosse.

Der christlichen Dichtkunst widmen sich in dieser Zeit viele Frauen, und Louise Henriette ist da keine Ausnahme. Das Unheil in der Welt wie den Tod des Kindes interpretiert sie als Strafe Gottes und schreibt in einem weiteren Lied: „Ich will von meiner Missetat mich zu dem Herrn bekehren!“ Der lutherische Ansatz „Gerecht allein aus Gnade“ ist in diesem Lied nicht zu finden. Der Mensch muss in Vorleistung treten, um der göttlichen Gnade teilhaftig zu werden, muss der Welt und ihrer Sündhaftigkeit abschwören, um Vergebung zu erlangen, hat Nächstenliebe zu üben, um selbst von Gott geliebt zu werden.
Fünf Jahre nach dem Tod ihres ersten Kindes wird ihr ein weiterer Sohn geboren. Diesen Tag feiert Louise Henriette bis zu ihrem Tod als einen Fest- und Bettag und stiftet aus Dankbarkeit das sogenannte Oranienburger Waisenhaus in Berlin.
Am 18. Juni 1667 stirbt sie, nachdem sie die Frage des Geistlichen, ob sie der Gnade des himmlischen Vaters gewiss sei, mit einem kräftigen Ja beantwortet hatte.

Ihrer Nachwelt hat sie einen reichen Schatz von Kirchenliedern hinterlassen: „Ich will von meiner Missetat“, „Gott der Reichtum seiner Güte“, „Ein anderer stelle sein Vertrauen auf die Gewalt und Herrlichkeit“ beispielsweise. Sie sind längst vergessen.
Doch bis heute klingt ihr schönstes und liebstes Trostlied in den Kirchen: „Jesus meine Zuversicht.“ Es zeugt von einem Glauben, von Hoffnung und Liebe, von einer ganz konkreten Jenseitserwartung, von Mut mit Jesus an der Seite im Angesicht des Todes.

Dieses Lied seiner Kurfürstin ist auch für Otto von Schwerin wichtig geworden. Er ist Erzieher des Erbprinzen und erteilt ihm natürlich auch Religionsunterricht. Aus Frankreich kommt die Kunde, dass dort evangelische Glaubensbrüder verfolgt und ermordet werden. Otto von Schwerin, inzwischen Oberpräsident des Geheimen Rates, überredet den Kurfürsten, die Verfolgten ins Land zu holen. So kommen die ersten Hugenotten nach Brandenburg. Schon bald singen auch sie in der siebenten Strophe des Trostliedes: „Seid getrost und hocherfreut, Jesus trägt euch, meine Glieder. Gebt nicht statt der Traurigkeit; sterbt ihr, Christus ruft euch wieder...“

In der Zeit des 30-jährigen Krieges ist in erster Linie für Hauskreise gedichtet worden. Paul Gerhardt schrieb seine Lieder für solche kleinen Hauskreise, die sich in den Wirren der Zeit ihre persönliche Frömmigkeit erhalten hatten. Schon wenige Jahre später durchzieht die Liederdichter eine innige, oft mystisch geprägte Jesusliebe. Buße und Bekehrung, Heiligung und Heilsgewissheit sind die Themen, die das Zeitalter der Orthodoxie zum Pietismus hin aufbrechen. An dieser Nahtstelle hat Louise Henriette ihre Lieder geschrieben, von denen eines bis heute Trost spendet.

Nach: Bekannte Lieder und wie sie entstanden. Autor: Wolfgang Heiner. Hänssler-Verlag; 3. Auflage 1987

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