Unser Vater im Himmel

Den folgenden Satz hat wohl fast jeder schon einmal gelesen: „Als Gott den Mann schuf, da übte SIE noch!“ „So etwas kann ja nur aus der Feder einer Frau geflossen sein“, so höre ich da manchen Leser sagen. Kann schon sein, aber wer das Buch „Die Hütte – ein Wochenende mit Gott“ gelesen hat, dem wird Gott einmal ganz anders präsentiert. In diesem Buch trifft die Titelfigur Mack nach einem schweren Schicksalsschlag auf Gott – in seiner dreifaltigen Gestalt als Papa (als liebenswerte, dicke, schwarze MAMA), Jesus und dem Heiligen Geist, der ebenfalls eine flirrende (asiatische) Frauengestalt annimmt. Der Autor ist ein Mann namens William Paul Young.

An dieser Stelle soll jetzt keine Kritik oder Leseempfehlung folgen. Eine persönliche Meinung sei erlaubt: Es ist eine Geschichte, die einen Weg in das Herz jener Menschen findet, die großes Leid erlebt und den Zugang zu Gott verloren haben. „Die Hütte“ ist ein Geschenk für alle verbitterten, verhärmten aber vor allem traurigen Menschen. Eine Geschichte, die offene Arme des Trostes symbolisiert – wie die offenen Arme des Vaters oder der Mutter.

Mir, die ich in der christlich geprägten westlichen Welt lebe, ist die Vorstellung von Gott als Mutter fremd. Im Hinduismus wird Gott in seiner weiblichen Form verehrt. Vater, Mutter? Ich tue das, was ich in solchen Situationen der „Unwissenheit“ immer tue und nehme die Bibel zur Hand. Hier einige von vielen ihrer Antworten:

Epheser 3,14. 15
„Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater, der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden.“
1. Johannes 3, 1. 2
„Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch! Darum kennt uns die Welt nicht; denn sie kennt ihn nicht.
Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder ...“

Römer 1, 7
„An alle Geliebten Gottes und berufenen Heiligen in Rom: Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!“

1. Korinther 1, 3
„Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!“

2. Korinther 1, 2
„Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!“

1. Johannes 3, 1
„Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch! ...“

Galater 4, 6
„Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsre Herzen, der da ruft: Abba, lieber Vater!“

Und natürlich Matthäus 6, 9 ff
Das „Vater-Unser“

Aber ich lese auch folgendes:

Jesaja 66, 13
„Wie eine Mutter ihren Sohn tröstet, so tröste ich euch …“

Jesaja 49, 14 ff
„Doch Zion sagt: Der Herr hat verlassen, Gott hat mich vergessen. Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, eine Mutter ihren leiblichen Sohn?“

Zugegebenermaßen trifft es zu, dass die Textstellen zahlreicher sind, in denen von Gott als Vater die Rede ist. Also beschäftige ich mich weiter mit dem Bild des Vaters. Und plötzlich denke ich an Wolfgang – meinen leiblichen Vater, der von sich selbst sagt, dass er permanent abwesend und so gut wie nicht an der Erziehung seiner Kinder beteiligt war. Ich habe das nie so gesehen. Er war, der er war und ist, was er ist – mein Vater.

Und dann fallen mir andere Bilder ein. Väter von denen man liest, hört und ihnen auch begegnet.

Fernbedienung in der linken Hand, Bierglas in der Rechten, die Füße auf dem Wohnzimmertisch und ein zu kurzes verschwitztes T-Shirt über den etwas zu rund geratenen Oberkörper gezwängt…

Oder ein abweisender, kalter, zurückhaltender und stummer Eisklotz, der selten zu Hause ist? Gleicht der Vater eher einem cholerischen Feldmarschall, der die Mutter und den ganzen Rest der Familie ständig auf Trab hält?

Oder kennt man den Vater am Ende gar nicht, weil man adoptiert ist, weil er früh gestorben ist oder weil er die Familie sitzen ließ und sich irgendwann alleine absetzte?

Oder ist er derjenige, dem immer alles gelingt — der immer Erfolg hat und für die Kinder unerreichbar hohe Maßstäbe setzt?

Väter über Väter

Seit vielen Jahren wird auf dem Gebiet der Eltern-Kind-Beziehung intensiv geforscht. Heute gilt als bewiesen, dass wir im Kindesalter vor allem auf die Stimme der Mutter hören — beim Eintreten ins Teenager-Alter ändert sich diese Situation jedoch drastisch. Ein Teenager braucht die Stimme (Meinung, Äußerung und Präsenz) seines Vaters, um sich zu einer reifen und aufrechten Persönlichkeit zu entwickeln. Wo der Vater fehlt, müssen vaterähnliche Rollenmodelle vorhanden sein, sonst besteht die Gefahr, dass sich das Kind ungenügend mit seiner eigenen Rolle im Leben identifizieren kann (das gilt für Mädchen wie für Jungs).

Ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht — unser Vaterbild beeinflusst unser Gottesbild. Je nachdem wie treu wir unsere Väter erlebt haben, wie großzügig, wie liebevoll, wie aufmerksam, wie autoritär (im positiven Sinne), wie zärtlich, wie unterstützend — all dies bestimmt mit, wie wir Gott sehen und erleben.
Sobald uns dies bewusst wird, kann unser Gottesbild auch Korrektur erleben. Nicht alle brauchen hier dasselbe! Manche hatten einen absolut tollen Vater, der es lediglich verpasst hat, genügend Zeit mit den Kindern zu verbringen — andere dagegen hatten weniger gute familiäre Verhältnisse und erlebten viele Verletzungen seitens ihres Vaters.

All denen, deren Väter abwesend, missbrauchend, unsensibel, unachtsam, passiv, kalt, zu beschäftigt, hart, böswillig, kontrollsüchtig, verdammend, hyper-kritisch oder heuchlerisch waren, sei folgendes gesagt: So ist Gott nicht!

Wer herausfinden will, wie Gott ist, der mache es bitte wie die Kleinsten unter uns. Man nehme einen Stift und male alles auf, was einen Vater so ausmachen sollte. Ich versuche einmal das Bild zu beschreiben, welches auf meinem Zeichenblock entstanden ist.
Man kann einen großen Mann erkennen. Sein Gesicht ist freundlich. Seine Augen sind voller Liebe und umrandet von vielen Lachfalten. Sein Mund lächelt. Er hat ganz viele Armen und Hände. Arme, die ausgebreitet sind, voller Kraft, um zu tragen. Hände, die mich halten, mich trösten, mich streicheln. Hände mit dem Daumen nach oben. Aber auch Hände, die mich mahnen und mich festhalten. Sein Herz ist riesengroß. Dort ist Platz für all meine Bedenken, meine Schwächen, meine Verletzungen und meine Schmerzen. Sein Bauch ist dick. Natürlich weil er mit mir all die leckeren Sachen isst, die ich gerne esse. Seine Beine sind stark. Sie stehen fest auf dem Boden. Seine Stimme kann man nicht zeichnen. Bediene ich mich der Comic-Bilder, dann wären in der Sprechblase Blumen, Schmetterlinge, Noten im Dreiviertel-Takt und ganz viele kleine Herzen, die mir sagen: Ich liebe dich!

So ist MEIN Gott, mein Vater!

Und damit sich der Kreis wieder schließt und sich vielleicht eine Antwort auf die Frage vom Anfang findet, warum jetzt Vater und nicht Mutter. Das Bild, das ich gemalt habe, sieht aus, wie das eines kleinen Mädchens. Einfach und auf das Wesentliche reduziert. Fragt man ein Kind, ob da jetzt Mann oder Frau gemalt ist, würde es wahrscheinlich antworten: Ein Mann. Und warum? Na, weil die Person keine Haare hat. Und wenn ich dem Bild mit ganz wenigen Strichen eine tolle Langhaarfrisur verpasse. Siehe da: Eine Frau!

Ob Vater oder Mutter. Gott ist uns Menschen in Liebe sehr nahe. Er weiß, was wir als seine Kinder brauchen. Er ist Geist und die personifizierte Liebe. Deswegen ist es mir egal, welches Geschlecht er hat. Das absolut Geniale ist doch, dass mir Gott (ob als Vater oder als Mutter) mit seinem Sohn Jesus, den besten Bruder von allen geschenkt hat.

Bärbel Dahmen

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