Apostolisches Selbstverständnis Teil 1

Gemeinde und Gemeinschaft

Zunehmend werden Geschwister und Gemeinden in ökumenische Aktivitäten eingebunden. So hat die Apostolische Gemeinschaft in diesem Jahr zum ersten Mal an einem überregionalen ökumenischen Kirchentag teilgenommen,
aber auch vor Ort entstehen immer mehr Kontakte zu benachbarten Kirchen und Glaubensgemeinschaften.

Das ist eine gute Entwicklung, die Kraft schenkt, Freude bereitet und zeigt, was gemeinsam mit Schwestern und Brüdern aus anderen Konfessionen, in der Nachfolge Jesu alles möglich ist.

Diese Kontakte führen jedoch auch zu Fragen an unser apostolisches Selbstverständnis, denn so wie wir Interesse an anderen Gemeinschaften und Kirchen zeigen, so werden auch wir gefragt.

Seit Anfang des Jahres berichtet der Herold in einer kleinen Serie, über die historische Entwicklung der Apostolischen Gemeinschaft, die unsere Wurzeln beschreibt und die Frage nach unserer Herkunft beantwortet.

In einer weiteren losen Folge von Beiträgen möchten wir nun ergänzend über unser aktuelles Selbstverständnis informieren,
so dass wir auch hierzu klare Antworten geben können. Die Ausführungen sind dabei bewusst kurz gefasst, um einen guten Überblick auf die wesentlichen Merkmale zu geben.

Der erste Teil beschreibt unser Verständnis von Gemeinde und Gemeinschaft.

1. Gemeinde

Der griechische Urtext des Neuen Testaments verwendet für die Bezeichnung der Gemeinde das Wort ekklesia, was eine „Versammlung der Herausgerufenen“ oder auch „Zusammengerufene“ bezeichnet. Zusammen mit den hebräischen Texten, in denen für Gemeinde das Wort kahal = „heilige Gemeinde“ verwendet wird, muss die Bezeichnung Gemeinde also als die Gemeinschaft derer verstanden werden, die durch Jesus Christus und sein Evangelium aus der Welt herausgerufen wurden.
Gemeinde ist also nicht konfessionell eingrenzend, sondern immer, im Unterschied zu einer Sekte, in ihrer Gesamtheit zu sehen. Diese Gesamtheit wird auch (universell) als die „Kirche Christi“ bezeichnet.

Biblische Bedeutung

Die Bibel sagt, dass Jesus Christus aus der Welt heraus in seine Gemeinde beruft. (z.B.: Röm 9,24; Eph 4,1; 2.Tim 1,9; 1.Petr 2,9; Kol 1,13)
Gemeinde bezeichnet also nicht eine von Menschen gestaltete Organisation, sondern einen von Gott geschaffenen Organismus. „Gemeinde ist nicht Gründung, sondern Schöpfung. … Es war nicht so, dass zuerst die einzelnen Christen da waren und dann hinterher die Gemeinde entstand, sondern zuerst war die Gemeinde da, und dann gab es Christen.“
(Apg 2) 1
Die Berichte der Apostelgeschichte zeigen weiterhin, dass Gemeinde nicht auf einen „Gottesdienstplatz“ oder eine „(Zweck)-Gemeinschaft zum Feiern von Gottesdiensten“ beschränkt werden kann.

Gemeinde ist lebendiges Zeugnis der Berufung ihres Herrn Jesus Christus.

Auftrag und Dienst

Gemeinde ist der Leib Christi. „Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft“ (1.Kor 12,13)
(siehe auch: Eph 1,23; 4,4.12.16).

Also, Gemeinde ist viel mehr als die Summe ihrer Mitglieder. Oder: „Ihre Bedeutung, ihre Kräfte und Möglichkeiten sind nicht festzustellen durch Addition dessen, was ihre einzelnen Glieder können.“ 2

Jesus, der Herr, der in seine Gemeinde beruft, hebt jedes einzelne Glied der Gemeinde weit über dessen natürliche Fähigkeiten und Möglichkeiten hinaus.
Paulus vergleicht deshalb die Gemeinde unmittelbar mit Christus. „Denn wie der Leib einer ist und doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obwohl sie viele sind, doch ein Leib sind: so auch Christus.“ (1. Kor 12,12).

Die Zeugnisse der Bibel zeigen, dass Gemeinde in ihrer ursprünglichen Bedeutung einen nach „außen“ gerichteten Auftrag hat. Gemeinde existiert nicht zum Selbstzweck. Nicht die Tatsache, dass sich ein Kreis von Menschen findet, die „mit Ernst Christen sein wollen“ bildet eine Gemeinde, sondern der Ruf Jesu. Jesus selbst sagt dazu: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt“ (Joh 15,16). „Das erste ist der Wille des Rufenden, das zweite der Wille des Berufenen“3.

Anzunehmen, dass die Zugehörigkeit zur Gemeinde einem Akt göttlicher Liebe und keiner eigenen Leistung entspringt, ist ein Zeichen der Demut. Wenn Gemeinde Christi in dieser Gesinnung ihrem Auftrag entsprechend lebt, wird sie immer auch eine Gemeinde, eine Zuflucht, eine Hilfe für Menschen sein, die nicht zu ihr gehören, denn der Wille ihres Herrn ist eindeutig: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken“ (Mt 11, 28).
„Die Gemeinde soll die einzige Gesellschaft in der Welt sein, die zum Wohl derer existiert, die nicht zu ihr gehören“ (William Temple). „Die Vorstellung, dass das Vermögen, die Möglichkeiten, die ,Errungenschaften‘ der Gemeinde dafür eingesetzt werden sollen, damit Außenseiter sich in ihr wohlfühlen, ist für viele Christen beunruhigend, nicht denkbar, oder gefällt ihnen gar nicht. Die Vision von einer Gemeinde für andere erscheint vie-len gefährlich. Sie droht, Bequemlichkeiten zu nehmen, Besitzstände aufzulösen und das Anspruchsdenken und das ‚Sich-um-sich-selber-Drehen’ abzuschaffen“4 – aber:

Die Gemeinde ist dazu da, Gottes Zielen zu dienen und nicht ihren eigenen.

Sichtbare Einheit der Gemeinde

Zu Gottes Zielen gehört auch, dass
Gemeinde sichtbar ist. Jesus sagt zu seinen Nachfolgern: „Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berg liegt, nicht verborgen sein“
(Mt 5,14).

Gemeinde hat also somit eine eindeutige Aufgabe in die Zeit, die Gesellschaft hinein. Hierbei soll zuallererst das Einssein der Gemeinde, des Leibes Christi von der Welt wahrgenommen und dadurch ihre göttliche Sendung erkannt werden.
„Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, damit sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins seien, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir, damit sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst.“ (Joh 17, 20-23).

2. Gemeinde und Gemeinschaft

Wenn Gemeinde die sichtbare Einheit der Christen darstellt, so folgt daraus unmittelbar, dass ihre Mitglieder Gemeinschaft untereinander und mit ihrem Herrn Jesus Christus haben sollen.
Der griechische Begriff für Gemeinschaft, koinonia, bedeutet sowohl „Teilhaben an etwas“, als auch „Nahesein“ und „inniges schicksalhaftes Verbundensein“.
Eine freiwillige und auf Dauer angelegte Gemeinschaft zur Verfolgung eines be-stimmten Zwecks, wird in unserem Kul-turkreis als Verein bezeichnet.
Somit ist jede christliche Gemeinde ein Verein. Egal, ob als eingetragener Verein oder nicht, gilt für eine Gemeinde das gleiche Recht wie für alle anderen Vereine auch.
Es müssen daher nicht nur die theologischen und charismatischen Anforderungen an Gemeinde, sondern auch die rechtlichen Grundlagen der jeweiligen nationalen Gesetzgebung berücksichtigt werden. Die Apostolischen Gemeinden in Europa sind deshalb in den jeweiligen nationalen Gemeinschaften zusammengeschlossen:

• Apostolische Gemeinschaft e.V.,
Sitz Düsseldorf (D)
• Gemeente van Apostolische Christenen (NL)
• Union des Chrétiens Apostoliques
de France (F)
• Vereinigung Apostolischer Christen Schweiz (CH)

Vorwort: Ulrich Hykes

1 - 3 Ralf Luther, „Neutestamentliches Wörterbuch“,
Ernst Franz Verlag Metzingen
4 Nach Walt Kallestad, „Mit offenen Armen
(Wie meine Gemeinde für Gäste attraktiv wird)“, Brunnen Verlag

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