Mit einem Schutzengel auf dem JAKOBSWEG

100 Jahre auf den Beinen | Laufen – Essen – Schlafen | Sind Tränen das Geheimnis dieses Weges?

Weil es seit einiger Zeit „in“ ist, hat unser Sohn Hans Peter vorletztes Jahr in seinen Sommerferien auch den Rucksack gepackt und ist den nördlichen JAKOBSWEG in Spanien von BILBAO nach SANTIAGO DE COMPOSTELA gelaufen.
Als wir ihn nach vier Wochen am Bahnhof abgeholt haben, gab es beim Empfang ungewohnte Tränen von ihm. Schon erstaunlich für den sonst so sachlichen Musik- und Mathematiklehrer. Damals dachte ich mir, dieser alte Pilgerweg muss doch etwas Besonderes haben, dies würde ich auch gerne erleben. Für mich als beinahe Siebzigjährigen war es aber eine unglaublich hohe Hürde und deshalb kaum machbar. Gut 700 km und dann noch im August unter der heißen Sonne Spaniens. Täglich so etwa 25 bis 40 km zu laufen, erschien mir für einen Senioren kaum geeignet.

Durch Hans Peters schöne Fotos und einen Film über den Jakobsweg, befasste ich mich gedanklich aber immer mehr mit diesem Thema. Weihnachten 2008 stellte ich ihm dann die entscheidende Frage, ob er diesen Weg noch einmal – mit mir – laufen würde. Seine ehrliche Begeisterung gab mir genügend Mut, diese beschwerliche Reise doch noch mit seiner Hilfe zu wagen. Im Januar 2009 begann ich dann mit dem täglichen Lauftraining, 5 bis 20 km je nach Witterung. Um mir die beste Ausrüstung anschaffen zu können, wünschte ich mir im Juli zu meinen 70. Geburtstag statt Geschenken eine finanzielle Unterstützung für unser Vorhaben. Fit, weil gut durchtrainiert und mit perfekt geplanten Reiseformalitäten, bestiegen wir am 5. August 2009 in Frankfurt den Flieger nach Bilbao, um das Unternehmen „Jakobsweg“ zu starten.

Sehr gut ausgerüstet, mit 12 kg Gewicht (davon 4 kg Trinkwasser) auf dem Rücken, zwei Stöcken in den Händen ging es jetzt immer Richtung Westen – unserem fernen Ziel entgegen. Wir waren frohen Mutes, denn als himmlischen Beistand haben wir uns noch die Begleitung eines Schutzengels erbeten und – wie es sich letztendlich herausstellte – auch bekommen. Wir nannten unseren Engel Frieda! Es gab in den drei Wochen einige gut überstandene Schwierigkeiten, für die wir uns bei Frieda ganz herzlich bedankten.

Obwohl bestimmt täglich hunderte Pilger unterwegs sind, sieht man tagsüber kaum jemanden, weil ja alle in die gleiche Richtung laufen und alle ungefähr gleich schnell sind. Wir waren die ersten 500 km fast immer alleine unterwegs; in einer herrlichen spanischen Natur – rechts der Atlantik, links Berge und Wiesen. Um es aber auf den Punkt zu bringen: Es wurde schon richtig anstrengend, die geschundenen Füße trieben mir öfters Tränen in die Augen, was aber keiner bemerkte, weil ich immer vorneweg lief. Lang gezogene Steigungen brachten mich einige Male in Versuchung, die Reise zu beenden. Wurde dann aber das Tagesziel erreicht, war alles wieder vergessen und wir planten sofort wieder den nächsten Tag. Zu den täglichen Aufgaben gehörte auch noch Wäsche waschen, was für einen verwöhnten Ehemann zumindest anfangs sehr gewöhnungsbedürftig ist. Überhaupt nicht vermisst habe ich Tageszeitung, Fernsehen oder Radio, weil es für diesen Weg einfach nicht wichtig war. Die Bedürfnisse eines Pilgers minimieren sich in kürzester Zeit auf drei Dinge: Laufen – Essen – Schlafen. Mehr war unterwegs einfach nicht nötig.

Laufen wird schnell zur Gewohnheit, beinahe zur Sucht; hatten wir einmal Pech und die geplante Unterkunft nach 30 km war ausgebucht, dann schafften wir auch noch die 10 km zum nächsten Dorf, um ein Bett für die Nacht zu bekommen. Wir sind in 21 Tagen durch vier spanische Provinzen gepilgert und haben nach guten 700 km am 25. August gesund und glücklich Santiago de Compostela erreicht. Als wir den großen Platz vor der Kathedrale betraten, sind wir uns in die Arme gefallen und haben glückliche Tränen vergossen. Sind Tränen das Geheimnis dieses Weges?

Mein bereits „jakobsweg-geprüfter“ Sohn und unser Schutzengel Frieda haben mich jedenfalls gesund ans Ziel gebracht (unterwegs gab es keine einzige Blase an den Füßen!) und dank Hans Peters Spanisch-Grundkenntnissen sind wir unterwegs auch nicht verhungert! Auf dem Weg feierte Hans Peter seinen 30. Geburtstag, sodass mit meinen 70 Jahren 100 Jahre auf dem Jakobsweg unterwegs waren. Trotzdem haben wir den Weg geschafft! Es war anstrengend, aber schön, und so als angenehmen Nebeneffekt habe ich auch noch acht Kilogramm Gewicht auf dem Weg liegen gelassen! Richtig stolz bin ich noch am selben Tag mit meinem täglich abgestempelten Pilgerpass ins Pilgerbüro gegangen, um mir meine Pilgerurkunde abzuholen. Als mir der Mitarbeiter erzählte, dass vor einer Woche ein Mann mit 80 den gleichen Weg, allerdings in vier Wochen gelaufen ist, war ich trotzdem mit meiner Leistung immer noch zufrieden. Vielleicht ist dies aber ein Ansporn für mich, den Jakobsweg unter dem Geleit von Frieda in 10 Jahren noch einmal zu wagen.

Wolfgang Nutzinger

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