Gemeindelust – Gemeindefrust

Früher war alles ganz einfach

Früher war alles ganz einfach. Da wusste man noch, was richtig und was falsch war. Das Schlagzeug war vom Teufel, Tanzen verboten und Lobpreis zu charismatisch. Es gab noch den einen „Richtigen”, Bücher für Mädchen warnten vor Make-Up, einige wussten sogar, wer der Antichrist war. Zweifel waren verboten, andere Gemeindeformen wurden mit Skepsis betrachtet. Es gab nur eine Meinung zu Taufe, Israel & Co. Frauen trugen Röcke und lange Haare, machten Kinderarbeit und waren von Leitungsaufgaben fernzuhalten. Alles ganz einfach.

OK, vielleicht war nicht alles so krass, vieles habe ich allerdings in meiner Jugendzeit so wahrgenommen. Und dabei wollte ich so gerne ein guter Christ sein, scheiterte aber immer wieder daran, dass ich manche Regel nicht nachvollziehen konnte. Ins Frauenbild passte ich schon gar nicht. Irgendwie war ich anders. Ich empfand mich nicht zur Arbeit mit Kindern oder Jugendlichen berufen, hatte durchaus die Gabe zu leiten, zu organisieren und Projekte zu entwickeln. Doch das, was bei Männern als dynamisch galt, wurde bei einer Frau als egoistischer Selbstverwirklichungstrip betrachtet. Dachte ich zumindest.

Überall wimmelte es von Männern, mit denen Gott Geschichte machte

Das Alte Testament machte mir Schwierigkeiten. Überall wimmelte es von Männern, mit denen Gott Geschichte machte. Frauen bewegten sich bestenfalls im Hintergrund oder traten nur in Aktion, wenn sich mal kein geeigneter Mann fand, so mein Eindruck damals. Waren denn Frauen nur Menschen zweiter Klasse bei Gott? Erst kommt Gott, dann der Mann, dann die Frau? Ich wollte doch auch gerne ein Teil von Gottes Geschichte sein! So arbeitete ich letztendlich wenig aktiv in der Gemeinde mit, engagierte mich nur noch am Büchertisch und ein bisschen im Flötenkreis. Zu Gott ging ich innerlich auf Abstand. Nach dem Abi ging ich in einen Kibbuz in Israel. Ich fühlte mich dort sehr frei und begann wieder neu, Gottes Liebe zu entdecken. Während meines Studiums arbeitete ich in einer christlichen Studentengemeinde mit. Es tat mir gut zu erleben, wie Christen aus ganz unterschiedlichen Gemeinden und Traditionsformen miteinander umgingen und diskutierten. Zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass, ausgehend von der Basis, dass Jesus der Mittelpunkt unseres Glaubens ist, es bei unterschiedlichen Themen auch unterschiedliche biblisch begründete Meinungen geben kann. Das habe ich als sehr befreiend erlebt. „Ich bin kein Mensch zweiter Klasse“

Später ermutigte mich der Leiter der Gruppe dazu, selbst eine Leitungsfunktion zu übernehmen. So konnte ich meine Gaben entdecken und einsetzen. Der Dienst für Gott machte sogar Spaß. Immer wieder traf ich auf Leute, die mich ermutigten, Dinge auszuprobieren, auch Fehler zu machen, meine Gaben zu entdecken, aber mich auch alten Geschichten und schlechten Erfahrungen mit ungesunden Abhängigkeitsverhältnissen zu stellen. Dabei entdeckte ich immer mehr, dass Gott mich lieb hat, mich begabt und beauftragt hat und mir hilft, an meinen Schwächen zu arbeiten. Ich bin kein Mensch zweiter Klasse, sondern auch zu seinem Ebenbild erschaffen. Manche Wunden brachen dabei auf und Gott kümmerte sich behutsam darum.

Warum ich ausgerechnet in einer Gemeinde gelandet bin, die sich mit der „ominösen“ Frauenfrage so schwer tut, kann ich nicht sagen. Bei uns wird zwar gesagt, dass beide Positionen (Pro und Contra: Frauen als Pastorinnen/Älteste) biblisch begründbar sind, aber trotzdem empfohlen, keine Frauen in Ältesten- und Pastorenamt einzusetzen – obwohl unsere Gemeindeordnung dies zulässt. In der Gemeinde selbst gibt es dazu sehr unterschiedliche Meinungen.

Vieles ist so in Bewegung, das Miteinander nicht immer leicht, aber es wird darum gerungen, in Liebe und Respekt miteinander umzugehen. Und ich bin mit Menschen gut befreundet, die sich dafür oder dagegen aussprechen. Ich kann ihre Argumente und ihre Geschichte, die sie ja auch mit Gott haben, nachvollziehen und verstehen.

Ganz einfach ist es immer noch nicht

Ich merke, dass gerade in dem unterschiedlichen Umgang mit der „Frauenfrage“ in unserer Gemeinde der Schmerz von früher immer wieder hochkommt. Dann fühle ich mich eingesperrt wie ein Schmetterling, den man in seinen Kokon einsperrt und die Flügel stutzt. Aber es macht mich auch mutig, mich immer wieder dafür einzusetzen, dass jeder seine von Gott geschenkten Gaben einsetzen und entfalten kann und dies auch gefördert wird. Es macht mich aber auch angreifbar, verletzbar und traurig. Und ich sehne mich nach Weite und Freiheit in Gott.

Für viele Frauen ist es auch sehr verletzend, wenn sie ihre von Gott geschenkten Gaben nur übergemeindlich oder in der Mission einsetzen können. Oder sie Dienst als Pastorinnen machen, sich aber nicht so nennen dürfen. Mir persönlich macht das Probleme, ich finde es immer noch schlimm.
Aber ich erahne und weiß immer mehr, dass ich meinen Wert alleine durch Gott erhalte. Es ist wichtig, was Gott von mir denkt. Und er wird sich auch darum kümmern, dass jeder und jede den Platz bekommt, den er sich liebevoll überlegt hat und seine Berufung entdeckt.

Für mich heißt das Mitarbeit an einer Mentorenkonzeption für Jugendliche und eine achtmonatige Fortbildung im Bereich Systemische Beratung, um einmal Seminare zum Thema Lebensplanung bzw. Berufung anzubieten. Wo auch immer das sein wird. Ich lasse mir Zeit und ruhe mich auch mal aus in Gottes wohltuenden Händen. Das macht mich innerlich froher und gelassener und langsam unabhängiger, denn: „Er stellt meine Füße auf weiten Raum“. (Psalm 31, 9)

PS: Mir ist klar, dass auf diesen Beitrag viele Leserbriefe/Meinungen kommen können, die begründen wollen, warum die eine oder andere Seite gerade im Bezug auf die Frauenfrage biblisch begründbar ist.
Ehrlich gesagt: Sie sind mir sattsam bekannt. Interessierter bin ich an Geschichten, die Sie selber mit dieser oder einer anderen Frage, die Sie gerade beschäftigt, gemacht haben. Und wie Ihre ganz persönliche Geschichte mit Gott aussieht.

Elke Janßen für www.erf.de

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