Buß- und Bettag

Bei oberflächlicher Betrachtung könnte mancher glauben, es sollten uns Schuldgefühle eingeredet werden. Dabei sind wir doch ganz passable Leute, schließlich kann man mit uns doch gut auskommen und im Vergleich mit anderen stehen wir immer noch gut da. Der König David war sehr erzürnt, als er von der Versündigung eines anderen hörte und rief aus: „Der Mann ist ein Kind des Todes!“ (2Sam 12,7).
Als Nathan ihm jedoch erklärte: „Du bist der Mann“, brach er innerlich zusammen und bat um Gnade. Es ist doch ein großer Unterschied, ob man über andere oder über sich Gericht hält. Ein über sich selbst gefälltes Urteil fällt sehr milde aus. Es lag eben an den Umständen, die andere zu verantworten haben. An Entschuldigungen und Erklärungen fehlt es uns dann nicht.
Schuld kann man verdrängen, und wir verstehen es meisterhaft, diesen Mechanismus zu betätigen. Wir wollen das Gesicht wahren und machen uns selbst zum Maßstab. Aber es geht heute nicht um andere; es geht um uns! Um uns ganz persönlich. Da hilft keine Schuldverschiebung, wie Adam dies auch versuchte und letztlich Gott als den Schuldigen hinstellen wollte. Können wir uns überhaupt entschuldigen bzw. ent-schulden? Schuld bleibt Schuld und der Balken ist im eigenen Auge, auch wenn wir diesen im Auge des Nächsten erkennen wollen. Menschen lassen sich täuschen, Gott nicht. Versuchen wir, die Schuld zu verdrängen, so wissen wir selber doch selbst darum. Verdrängte Schuld macht krank und zerstört die Beziehungen zum Nächsten und zu Gott. Der „verlorene Sohn“ bekannte dem Vater: „Ich habe gesündigt vor dem Himmel und vor dir“. Wir täuschen uns und betrügen uns selbst, wenn wir glauben, dass die Sünde ohne Folgen bleibt. Sünde bleibt Sünde, auch wenn wir sie schönreden. Sie ist die Ursache für die dadurch entstehende Entfremdung.

Der Buß- und Bettag ist eine Einladung zur Umkehr. Wir müssen unser Lügengebäude nicht weiter ausbauen, wir brauchen nicht mehr paktieren und taktieren und unsere Umwelt zu täuschen. Wenn wir vor Gott und unsere Nächsten hintreten und bekennen: ‚Ich habe gesündigt’, werden wir eine neue Freiheit und Erlösung erfahren, die uns nur glücklich machen kann. Alle Last fällt von uns ab und wir erleben wieder die wunderbare Gemeinschaft untereinander und mit Gott. Man sagt, der Satz, welcher am schwersten über die Lippen ginge laute: Ich habe mich geirrt. Und wie vielen fällt es schwer, es zu sagen, sodass sie lieber weiter in der Unwahrheit leben als sich zu bekennen. Gott spricht uns seine Gnade zu, wenn wir uns vor ihm offenbaren. Das Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner macht es deutlich. „Gott will nicht, dass jemand verloren werde, sondern dass jedermann zur Buße finde“, schreibt der Apostel Petrus (2Petr 3,9b). Gott will uns keine Last auferlegen und das Leben schwer machen. Wir tun uns selbst den größten Gefallen, wenn wir uns unsere Verfehlungen eingestehen. Da wird die Buße zu einem ‚fröhlichen Geschäft’, wie Martin Luther es bekannte.

Wie aber soll uns Hilfe werden, wenn wir uns völlig schuldlos fühlen und meinen, eine Umkehr nicht nötig zu haben? Wie soll uns Vergebung werden, wenn wir anderen unser Versagen zuschieben? Wir sind oft so verfinstert, das wir das unreine Herz nicht mehr erkennen und glauben, keinen Gott nötig zu haben. Die Sünde schmerzt nicht, das Gewissen klagt nicht mehr an, das Herz ist nicht mehr unruhig und letztlich glauben wir an einen lieben und gnädigen Gott, der schon alles richten wird. Noch einfacher machen wir es uns, wenn wir erklären, es gäbe gar keinen Gott, der uns zur Rechenschaft ziehen könnte. Aber spricht daraus nicht die Angst vor Strafe?

Dabei sollten wir bedenken, dass wir es nicht mit einem lieben, sondern mit einem liebenden Gott zu tun haben, der eben unsere Verlorenheit nicht will und uns deshalb zur Buße aufruft. Wir wollen uns in aller Demut zu Gott wenden und ihn bitten, dass er uns Vergebung schenkt und uns neu beginnen lässt.

Der 51. Psalm ist ein solches Bußgebet, das David sprach, als Nathan ihm seine Verfehlung vorhielt und ins Gewissen redete: „Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, beständigen Geist. Verwirf mich nicht von deinem Angesicht und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir. Erfreue mich wieder mit deiner Hilfe und mit einem willigen Geist rüste mich aus“.

Das ist die rechte Buße, das rechte Gebet, das uns wieder in die Gemeinschaft mit Gott und in die Freiheit der Gotteskinder bringt. Auch kann es hilfreich sein, wenn wir uns für unseren gesamten Lebensbereich wieder einmal in die 10 Gebote und in der Verantwortung vor Gott und den Menschen in die Bergpredigt vertiefen.

Franz Simons

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