Wo sind die Neun?

Oder – neun gute Gründe, nicht dankbar zu sein
Frei nach Lukas 17, 11 – 19

Jesus heilt zehn Aussätzige und schickt sie zu den Priestern, damit diese die Gesundung bestätigen. Von den zehn Geheilten kehrt lediglich einer zu Jesus zurück, um Gott die Ehre zu geben und Jesus für seine Heilung zu danken.

Jesus fragt: Wo sind die Neun?
Welche Beweggründe könnten diese gehabt haben, für ihre Heilung nicht zu danken?

Dazu einige Gedankenspiele und mögliche Antworten. Ob sie uns bekannt vorkommen?

1. Für Selbstverständlichkeiten dankt man nicht

Was heißt hier undankbar? „Die Lunge haben wir uns aus dem Hals geschrien, damit uns Jesus überhaupt registriert hat. Am liebsten wäre der doch an uns vorbei gegangen, wie all die anderen auch. Wer will schon etwas mit uns zu tun haben? Wir sind doch der Abschaum, der Dreck der Gesellschaft, ausgeschlossen, weggesperrt, für tot erklärt. Für alles und jeden ist Geld da, neue Straßen lässt der Kaiser bauen, `ne Riesenvilla hat sich der Statthalter hinstellen lassen. Jetzt haben sie ein neues Aquädukt für Jericho geplant.
Aber um uns kümmert sich kein Mensch. Dafür kann man ja schließlich keine Lorbeeren ernten, oder haben Sie jemals ein Denkmal gesehen für jemanden, der einem Aussätzigen geholfen hat?
Und dann will ich ihnen mal eines sagen: Wer 5.000 hungrige Zuhörer mit Essen versorgen kann, wer Blinde, Taube und Lahme gleich dutzendweise gesund macht, wer angeblich sogar Tote zum Leben erweckt, für den ist es doch eine Kleinigkeit uns Zehn gesund zu machen. Und nur weil der Samaritaner, dieser Schleimer, zu Jesus zurückgelaufen ist, sehe ich noch lange keinen Grund dazu, das war ja das Mindeste, was Jesus hat tun können.“

2. Gott erwartet ohnehin keinen Dank

Gott ist auf unseren Dank nicht angewiesen. „Jesus hat mich bisher nicht gebraucht für seinen Pilgerzug, dann ist er auch nicht auf mein bisschen Dankeschön angewiesen. Der kümmert sich doch längst schon um die Nächsten. Dem geht es doch um was ganz anderes. Der hat eine Mission zu erfüllen. Wenn der sich mit Danksagungen aufhalten würde, käme er nicht mehr vom Fleck.
Außerdem habe ich nun wirklich etwas besseres zu tun. Ich muss acht Jahre meines Lebens nachholen, da ist viel liegen geblieben, oder denken Sie, Jesus mit seinen Jüngern hat sich um meine Familie und meinen Hof gekümmert? ...
Na sehen Sie! Also bis irgendwann mal, machen Sie’s gut.“

3. Erst mal freuen, dann danken

„Ich habe jetzt keine Zeit. Nachdem die Priester mir bestätigt haben, dass ich wieder gesund bin, habe ich für das Wochenende eine Mega-Party angesagt. Das muss gebührend gefeiert werden.
Ich muss unbedingt noch allen Kumpels Bescheid sagen und das Essen organisieren. Am besten, Sie kommen nächste Woche nochmal vorbei, aber nicht gleich am Montag, Sie wissen schon …“

4. Ich habe nichts, womit ich meinen Dank zum Ausdruck bringen kann

„Seit diesem Tag geht es mir nicht mehr aus dem Kopf: wie kann ich Jesus nur danken?
Also, das muss schon etwas besonderes sein. Kein Null-Acht-Fünfzehn-Geschenk! Nein. Nein, es wirdet was ganz Ausgefallenes. …
Ich habe schon an eine Wallfahrt nach Rom gedacht. Aber ich weiß nicht …
Vielleicht stifte ich ihm auch einen kleinen Tempel in Nazareth, von da soll er ja stammen. Aber so originell ist das auch nicht, oder? Ich bin sicher, mir wird schon noch etwas Geniales einfallen. Ich brauche einfach noch etwas Zeit.“

5. Erst mal abwarten, ob die Heilung auch anhält

„Sie können aber auch Fragen stellen! Selbstverständlich werde ich mich bei Jesus bedanken, das ist ja wohl klar. Die Priester haben mir ja auch die Gesundung bestätigt. Aber diese Krankheit ist heimtückisch, die Rückfallquote beträgt immerhin 27,1 % und kann sich nach Jahren erst bemerkbar machen. Ich kaufe schließlich nicht die Katze im Sack. Einige Monate Karenzzeit sind schon notwendig, bevor ich sicher gehen kann, dass ich auch dauerhaft geheilt bin. Und Jesus geht mir nicht verloren, dem kann ich dann immer noch danken.“

6. Nach all dem Leid habe ich keine Lust auf´s Danken

„Hatten Sie schon einmal Kontakt zu einem Leprakranken? Haben Sie auch nur ansatzweise eine Vorstellung davon, was es bedeutet, ein ,Aussätziger‘ zu sein? Ausgeschlossen, abgegrenzt, unberührbar, lebendig tot!
Seit 13 Jahren lebe ich nun so, und Stück für Stück meines Körpers verkrüppelt, fault. Sie hätten mich vor meiner Heilung mal sehen sollen. Ich war ein Monster!
Ich habe in dieser Zeit verlernt, was Lebensfreude und Glück sind. Für Dankbarkeit gab es keinen Grund mehr. Ich hatte immer auf Gott vertraut, dass er hilft, dass mein Leben gut verläuft und nicht dass ich Jahrzehnte in der Sch... sitze. Dafür soll ich jetzt auch noch „Danke“ sagen? Nein, Danke!“

7. Es war höchste Zeit, dass Gott eingreift

„Sie kennen sich in der Bibel wohl gar nicht aus? Und mit Gott haben Sie auch nichts am Hut. ,Rufe mich an in der Not und ich will dich erretten!‘ Das steht schon in den alten Psalmen. Was glauben Sie denn, was ich die ganze Zeit gemacht habe. Das war höchste Zeit, dass Gott endlich eingegriffen und mir geholfen hat. Keinen Tag länger hätte ich das mit diesen neun Ignoranten ausgehalten.“

8. Ich habe mich schon bei den Priestern bedankt

„Undankbar? Ich? Ein Vermögen habe ich den Priestern geschenkt! Ich wette, dass keiner von den anderen auch nur annähernd so viel Dankbarkeit gezeigt hat wie ich: fünf Ochsen, 20 Lämmer. 25 Tauben, 50 Liter Öl von der besten Sorte, 100 Liter Wein sowie 1.000 Dinar in bar.
Dann noch die Reparaturkosten für den Opferaltar im Tempels, fünf neue Gewänder für die Priester, zwei Abschriften von den Schriftrollen des Propheten Jesaja, …
Mehr kann man von mir nun wirklich nicht erwarten. Undankbar? Sie haben ja keine Ahnung!“ Dafür soll ich jetzt auch noch „Danke“ sagen? Nein, Danke!“

9. Upps, hab‘ ich glatt vergessen

„Ach ja stimmt, gar keine so dumme Idee, habe ich glatt vergessen! So geht’s halt, sorry, was mache ich denn jetzt? Naja, ist halt zu spät, vielleicht treffe ich ihn ja mal wieder, diesen – wie hieß er noch – ach ja: Jesus.“
Hartmut Dahmen

(Diese Texte können zur Gottesdienstgestaltung

Ausgabe