Arno Schwarzer - Der Kinderfreund

Im Alter von fast 70 Jahren ist am 25. Juni 2010 der Schreiber der Kinderbriefe und Vorsteher der Gemeinde Bernburg heimgegangen, nachdem er eine intensive Apparatemedizin ablehnte.
Seit 43 Jahren versah er ordinierten Dienst, davon 42 Jahre als Priester und 18 Jahre als Hirte der Gemeinde Bernburg.

Im April 1988 begann Br. Schwarzer die Kinderbriefarbeit erneut, nachdem der Älteste Walter Knauth von 1962 bis 1971 als Kinderfreund 39 Briefe an ca. 50 Kinder verschickt hatte. Das war damals eine mühevolle Arbeit, denn diese Briefe durften nicht gedruckt werden. Die Regierung der DDR wollte in der damaligen Zeit nicht, dass die Kinder glaubensmäßig betreut wurden. So mussten der Älteste Knauth und seine Helfer die Briefe mit der Schreibmaschine tippen. Auf ganz dünnem Papier wurden viele Durchschläge angefertigt, die dann trotzdem nur an verhältnismäßig wenig Kinder verteilt werden konnten.

Nach dem ersten Kinderbrief von Priester Arno Schwarzer erschien regelmäßig alle zwei Monate ein weiterer. So entstanden bis Juni 2010 134 Kinderbriefe.
Seit dem zweiten Brief im Juni 1988 gab es Rätsel. Die Geschichten schrieb der „Kinderfreund“ entweder aus eigenem Erleben mit Kindern aus der Schule, wo er als Grundschullehrer tätig war bzw. nach Ende seiner Berufstätigkeit zunehmend aus Literaturquellen. Später kamen Lieder, Gedichte, Bilder und gelegentlich Witze hinzu.

Mit der Novemberausgabe 1989 (der Nr. 11) gab es jeweils eine Weihnachtsbeilage mit Bastelbogen, extra Rätselseiten, Backanleitungen, Malvorlagen, Spielen o.ä. Seit August 1995 (der Nr. 46) ziert ein fliegender Vogel den Briefkopf.

Zu DDR-Zeiten war der Aufwand hoch, um den Kinderbrief veröffentlichen zu können. Die Entwürfe mussten beim „Staat“ eingereicht werden. Nach Durchsicht und einer Bearbeitungsfrist von mehreren Monaten kamen sie mit Genehmigungsnummer versehen zurück. Erst dann durften sie vervielfältigt werden. Diese Prozedur musste Gott sei Dank nur bis Februar 1990 (Nr. 13) erfolgen.
Interessant ist auch die Erstellung der Briefe. Nr. 1 bis 13. Sie wurden mit einer Reiseschreibmaschine vom Typ „Erika“ geschrieben. Es gab nur eine Schriftart, und Korrekturen waren schwierig. Die Nr. 14 bis 35 (Oktober 1993) konnten schon mit einer Schreibmaschine für zwei Schriftarten und zeilenweisem Ausdruck, aber ohne Speicherfunktion erstellt werden.
Für die Nr. 36 bis 59 (Oktober 1997) kam eine Schreibmaschine mit Diskettenlaufwerk und mehreren Typenrädern zum Einsatz. Ab der Nr. 60 wurde dann ein Computer benutzt.
Aber auch die Vervielfältigungstechnik entwickelte sich glücklicherweise rasant mit der politischen Wende. Das Drucken war zunächst schwierig, da es in der DDR noch keine Kopiergeräte gab. Alles musste umständlich auf Wachsmatrizen geschrieben oder gemalt werden. Fehler konnte man nicht korrigieren. So begann manchmal die ganze Arbeit wieder von vorn.

Ein schönes Ergebnis der Kinderbriefarbeit war der sich daraus entwickelnde Briefwechsel. So schickten Kindergruppen aus den Gemeinden – am meisten aus Greiz und Radeberg, aber auch aus Plauen, Dresden und anderen – Briefe mit Grüßen, Rätselauflösungen, Fotos, Kinderzeichnungen, Berichten von Kinderstunden und Erlebnissen. Einzelne Kinder, meist Mädchen, schrieben selbst Briefe, manche über längere Zeiträume.
Die fleißigste Briefschreiberin war Janine Fischer, die, bereits im Erwachsenenalter, bis zuletzt Kontakt mit dem Kinderfreund hielt und immer noch geschrieben oder angerufen hat.
Die älteste Briefschreiberin war eine über 80-jährige Glaubensschwester, die vom Kinderfreund erfuhr, als seine Briefe einige Zeit in unserem HEROLD abgedruckt wurden. Gelegentlich suchten Eltern auch Rat beim Kinderfreund. Manchmal schickten Erwachsene Material als Vorschlag zur Verwendung im Kinderbrief.

An die Kinder schrieb Bruder Schwarzer u.a.: „Kinderbriefe schreiben macht eigentlich Spaß, aber die Rätsel sind immer wieder sehr mühsam. Es sollte doch immer wieder etwas Neues sein, nicht zu leicht und auch nicht zu schwer“ oder „Ich habe die Kinderbriefe immer gern geschrieben und es hat mir viel Spaß gemacht.“

Ja, im Team mit seiner Frau und den Töchtern sind in 22 Jahren all die 134 Briefe entstanden. Und sie haben vielen Kindern etwas Gutes und Frohes vermittelt.
Als Lehrer brachte Arno Schwarzer seine pädagogischen Fähigkeiten im Kinderbrief ein, der regelmäßig mit Spannung und Freude von vielen Kindern unserer Gemeinschaft gelesen wurde.
In der Rätsel- und Schmunzelecke war es auch manchem Erwachsenen vergönnt, nachzudenken und auch einmal herzhaft zu lachen.

Unser Kinderfreund hat „seine Feder aus der Hand gelegt“– es wird uns etwas fehlen.
In seiner einfachen, zuverlässigen, gradlinigen und klaren Lebens- und Glaubensart hat Br. Schwarzer gute Zeichen gesetzt und ein lesbares Erbe hinterlassen.

Da es noch die Rätselauflösung des 134. Briefes geben muss und die Kinder erfahren sollen, dass es ihren Kinderfreund nicht mehr gibt, wird noch ein 135. Brief erscheinen.
Oder sollte es vielleicht sogar weitergehen? Evtl. in einer etwas anderen Art auf einer Kinderseite im HEROLD? Gern hört die Redaktion Meinungen dazu.

Vielleicht teilt Ihr auch mit, wer den Kinderbrief gelesen hat. Wer hat die Briefe gesammelt? Hat vielleicht sogar jemand alle 134?

Ich danke Katrin Schwarzer für die Übermittlung der Einzelheiten zu diesem Artikel.

Gert Loose


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