Rückschau

Ein (persönlicher) Jahresrückblick

Wieder ist ein Jahr unseres Lebens an sein Ende gekommen. Zum Jahreswechsel wird uns bewusst, dass die vergangene Zeit unwiederbringlich ist. Wir halten einen Augenblick inne, schauen zurück und blicken voraus. Freude und Leid, Sorge, Enttäuschung, Mühe und Arbeit liegen hinter uns, manches Unfertige und Versäumte - und manche Schuld.

Dennoch atmen wir auf mit Gedanken und Empfindungen, die Dietrich Bonhoeffer in seinem Abendgebet sprechen lassen: „Herr, mein Gott, ich danke dir, dass du Leib und Seele zur Ruhe kommen lässt. Deine Hand war über mir und hat mich behütet und bewahrt.“
Mit der Ruhe kommen wir ins Nachdenken. Es wird uns bewusst, dass es nicht selbstverständlich ist, dass wir diese Stunde erleben. Und vielleicht erscheint es uns wunderbar, dass wir leben und, dass uns dieser Tag und ein neues Lebensjahr geschenkt sind. Manchem sind Freude und Erfolg zuteil geworden, anderen erschien die Vergangenheit bedrückend und eng. Sie möchten sie abstreifen und zurücklassen wie ein altes Kleid.

Aber vielleicht beginnen sie nun, die Hand zu erkennen, die sie in dieser Enge geführt und väterlich darin bewahrt hat. Andere sind durch Leid und Krankheit aus der Bahn geworfen worden und tief verletzt. Dunkel und sinnlos erscheint ihnen ihr Geschick. Und doch erwacht in ihnen die Ahnung davon, dass in der Finsternis ein Segen verborgen liegt, den sie in glücklichen Zeiten nicht gekannt haben.
Und da sind auch die unter uns, die die Vergangenheit wie einen hellen und sonnigen Sommertag erleben durften. Ein jeder ist bei seinem eigenen Namen gerufen und seinen eigenen Weg geführt worden.

Aber Gott hat uns nicht nur Güter geschenkt, uns nicht nur geführt, behütet und bewahrt, er hat sich selbst zum Geschenk an uns gemacht. Dadurch ist Christus unser Bruder geworden. Deshalb gibt es keinen Ort und keine Zeit, an dem er nicht wäre: Er ist bei uns, wo wir glücklich sind. Und er ist bei uns, wenn wir nicht weiter wissen. „Wer Dank opfert, der preiset mich“, wird dem Beter im Alten Testament gesagt. Das Wort verrät, wie menschlich Gott mit uns umgeht, wie gut er uns kennt. Er weiß, dass uns das Danken schwerfällt, dass es viele Lasten gibt, die uns bedrücken. Er sieht, dass wir an uns selbst leiden, an der Ohnmacht unseres guten Willens. Wie sollten wir dafür danken? Gott will keine Heuchelei von uns. Er nimmt unsere Ratlosigkeit ernst und will uns heraushelfen.

Der Dank ist der Schlüssel, der uns wieder frei atmen lässt. Deshalb fordert Gott unseren Dank ein, auch wenn er nicht aus freiem Herzen kommt. Gott möchte ihn als Zeichen des Vertrauens. In diesem Vertrauen liegt der Grund für die wunderbare Verheißung: „Da ist der Weg, dass ich ihm zeige das Heil Gottes.“ Wer dankt, sagt Ja zu Gott. Er will uns sein Heil zeigen, wir sollen es selbst erfahren und sehen. So werden wir am Ende bekennen dürfen: „Aus seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.“

Renate Borg

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