Unsere Ursprünge - unser Weg 9

9. Apostolische Reformation

In diesem Teil unserer geschichtlichen Serie über das „Apostolische Werk“ kehren wir wieder nach Deutschland zurück. Am 21. Januar 1905 starb der erste neuapostolische Stammapostel Friedrich Krebs und der westfälische Apostel Hermann Niehaus trat seine Nachfolge an. Er setzte wenige Monate nach seinem Amtsantritt, am 22. Oktober 1905 in Bielefeld, weitere Apostel ein, darunter den sächsischen Bischof Carl August Brückner.

Carl August Brückner wurde am 7. März 1872, also kurz nach der Gründung des Deutschen Reiches, in dem vogtländischen Städtchen Mylau (bei Netzschkau) geboren. Sein Vater war Weber. Die Familie gehörte der lutherischen Kirche an und nach der Schule absolvierte C.A. Brückner eine kaufmännische Lehre und arbeitete im Büro eines Rechtsanwaltes. Um 1895 kam er in Kontakt mit der apostolischen Bewegung und besuchte mehrfach Gottesdienste in Netzschkau (Tränenkirche) und Greiz. Zunächst stand er dem apostolischen Glauben wohl sehr skeptisch gegenüber, fand dort dann aber zum Glauben an Jesus. Im Jahr 1895 starben die beiden Apostel Friedrich Wilhelm Schwarz (Niederlande) und Friedrich Wilhelm Menkhoff (Westfalen). Ihr Nachfolger Friedrich Krebs etablierte das Stammapostelamt. Zu dieser frühen Zeit der neuapostolischen Kirche fanden sich noch viele Relikte aus katholisch-apostolischer Zeit in der Lehre wider. Unter anderem auch die Gleichberechtigung aller Apostel.

In Greiz, der apostolischen Stammgemeinde des Vogtlandes (die Gemeinde feierte im Mai 2011 ihr 120jähriges Bestehen), wurde Brückner 1895 von Apostel Krebs versiegelt und sogleich ins Diakonenamt gesetzt. Bereits 1897 wurde er zum Priester ordiniert und wurde bald Vorsteher der Gemeinde Zwickau. Außerdem war er in den Gemeinden Chemnitz und Falkenstein aktiv. Brückner setzte sich sehr für die Gemeinde und den Gemeindeaufbau ein und wurde noch im selben Jahr zum Ältesten ordiniert und ihm wurde die Leitung der wichtigen Leipziger Gemeinde übertragen. Während seiner dortigen Tätigkeit lernte er den Apostel Hermann Niehaus kennen, der den Stammapostel Krebs oft begleitete. An vielen Orten von Brückners Bezirk konnten neue Gemeinden gegründet werden, die rasch wuchsen. Jedoch kam es in Sachsen aufgrund staatlicher Repressalien immer wieder zu Problemen mit den Behörden, denn in diesem Bundesland durften apostolische Gottesdienste nur unter polizeilicher Aufsicht stattfinden. Die Tränenkirche in Brückners Heimatort Mylau wurde am 26. Februar 1899 für drei Jahre polizeilich geschlossen. 1901 wurde Brückner zum Bischof ordiniert. Er hatte maßgeblichen Anteil daran, dass das sächsische Kultusministerium 1902 die Restriktionen für die apostolischen Gemeinden aufhob.
Nach seiner Ordination zum Apostel durch den neuen Stammapostel Niehaus zog Brückner nach Dresden um. In der Landeshauptstadt wurde die Verwaltung seines ständig wachsenden Apostelbezirkes angesiedelt. Brückner hatte ein enges Verhältnis zum Stammapostel und begleitete diesen auch oft auf Reisen, u.a. auf dessen Hollandreise und dessen erster Amerikareise 1909. Deshalb wurde am 22. Oktober 1911 in Dresden der Metallarbeiter Max Ecke zum Apostel und zur Hilfe für Brückners Bezirk eingesetzt. Neben den beiden Aposteln betreuten vier Bischöfe den bis 1912 auf 70 Gemeinden angewachsenen Bezirk.

In den ersten Jahren seiner Aposteltätigkeit scheint Brückner den Stammapostel und dessen erweiterte Machtfülle sowie seine organisatorischen Neuerungen (Gründung des Apostelkollegiums aller neuapostolischen Apostel und Umbenennung von Neuapostolische Gemeinde zu Neuapostolischer Kirche 1907, Einführung der Allgemeinen Hausregeln 1908, Einführung des Lehrbuches über den neuapostolischen Glauben 1916, Erlangung des Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts für die NAK) vorbehaltlos zu unterstützen. Bei der Amerikareise 1909 spricht er in seiner Predigt auch kritisch die gesellschaftlichen Entwicklungen wie die Frauenemanzipation und die antiautoritäre Familienstruktur an. Gleichzeitig betont er aber auch schon den Vorrang der Vernunft im Glauben gegenüber charismatischen Elementen (Träume, Visionen, Prophetien).

Während des 1. Weltkrieges kommt es zunehmend zu einer Entfremdung zwischen dem schwärmerischen Stammapostel und dem rationalistischen Brückner. Während des Krieges waren auch die Apostel Brückner, sein Helfer Apostel Max Ecke und der Frankfurter Apostel Johann Gottfried Bischoff eingezogen. Der Zusammenbruch Deutschlands nach dem verlorenen Krieg, den der Stammapostel völlig anders vorausgesagt hatte, stürzt die Kirche in eine Krise. Ab etwa 1917 hatte es in der Kirche unter Amtsträgern und Mitgliedern zu gären begonnen. Im Frankfurter Bezirk von Apostel J.G. Bischoff gab es zwei Bischöfe, Paulus und Müller, die unter den Umständen nicht mehr die Verantwortung tragen wollten und eine grundlegende Reformation forderten. Auch der Redakteur der Neuapostolischen Rundschau K.W. Mütschele aus Leipzig schloss sich diesen Protesten an. Für die Unzufriedenen wurde Brückner zum Adressaten ihrer Kritik am Personenkult und der nationalen und spiritistischen Welle in der Kirche. Im Apostelkollegium trat Brückner als ihr Anwalt auf und hatte anfangs in dem Frankfurter Bezirksapostel Johann Gottfried Bischof, der am 12. August 1906 (also ein Jahr später als Brückner) zum Apostel gerufen worden war, einen ebenfalls kritischen Unterstützer. Bischoff jedoch vermied es, seine Ansichten öffentlich zu vertreten, teilte seine Meinung aber in einem Brief am 26. September 1918 seinem Apostelkollegen Brückner mit: „...Dann die Lehre! Wie oft haben wir schon umlernen müssen. Bald wurde so gesagt, - dann so.... … Ja, es kommt leider oft vor, dass dem Gesandten (Apostel) mehr Ehre gezollt wird als dem Sender (Christus). … Ich fürchte, dass, wenn es nicht anders kommen wird, das Werk seinem Untergang entgegen geht ...“. . Bischoff war bei der Gemeindegründung ähnlich erfolgreich wie Brückner, stellte aber dessen Vorrangstellung unter den Aposteln als möglicher Nachfolger des Stammapostels zunächst nicht in Frage.

1919 eskalierten die Spannungen in der Kirche in Leipzig und Stuttgart wo etliche Amtsträger eine biblische Rückbesinnung des Apostelamtes, eine reine Verkündigung des Evangeliums und eine Sammlung der endzeitlichen Gemeinde unter allen Christen forderten. Brückner stimmte der massiven Kritik nur in Teilbereichen zu, suchte aber das Gespräch mit den Unzufriedenen. Der Stammapostel Niehaus zeigte sich jedoch allen Reformvorhaben gegenüber unnachgiebig und schloss den Apostelhelfer Paulus, den Bischof Müller und den Evangelisten Mütschele sowie 400 Mitglieder 1919 aus. Bischoff, aus dessen Bezirk zwei der prominenten „Opfer“ stammten, wagte es offenbar nicht (mehr), diese zu schützen und selbst einen kritischen Kurs zu fahren. Die Apostel Brückner, sein Helfer Apostel Ecke und Apostel Bischoff waren die aktivsten Apostel im Kollegium. Brückners Rückhalt beim Stammapostel und sein Einfluss auf die neuapostolischen Gemeinden insgesamt, den er auch als Herausgeber der seit 1909 erscheinenden „Neuapostolischen Rundschau“ hatte, war groß. Für Niehaus wurde es allerdings bei Widerstand dieser Männer zunehmend eng und so beschloss er wahrscheinlich ein „teile und herrsche“. Er wandte sein Vertrauen von Brückner ab und Bischoff zu, dem er wohl auch seine Nachfolgepläne mit ihm offenbarte. Dieser fühlte sich wohl geschmeichelt, denn bereits ein Jahr später änderte er seine Meinung völlig und entwickelte sich zum Gegner Brückners – ob aus Furcht, aus Berechnung oder Spekulation bleibt offen. Jedenfalls scheint er maßgeblich ab Frühjahr 1920 mit anonymen Schreiben und versteckten Angriffen auf Brückner diesen beim Stammapostel zu diskreditieren. Zumindest beschwert sich dieser über Heimlich- und Hinterhältigkeiten beim Stammapostel. Am 9. Oktober 1920 sollte in Bielefeld auf einer Apostelversammlung ein Nachfolger für den Stammapostel benannt werden. Favorit war bis vor kurzem Apostel Brückner gewesen, der nun seinerseits den niederländischen Apostel van Oosbree vorschlug. Die Wahl fiel jedoch auf Apostel Bischoff, der dann in einem Festgottesdienst am 10. Oktober 1920 als Stammapostelhelfer berufen und eingesetzt wurde. Brückner hatte sich in einem Brief an Niehaus vorher „völlige Handlungsfreiheit“ in seinem Apostelbezirk ausbedungen, sollte die Wahl auf Bischoff fallen. Ein einmaliger Fall, der in der hierarchisch organisierten Kirche bis dahin beispiellos war und von der Leitung nicht geduldet werden konnte. Als dann Bischoff doch eingesetzt wurde und damit Brückner „gestürzt“ wurde, kam dies für die neuapostolische Welt überraschend und stellte Brückner vor die Wahl sich dem Stammapostel nun doch zu unterwerfen oder zum offenen Kampf über zu gehen. Zunächst versuchte er einen Mittelweg in seinem Bezirk. Mit der Mitgliederzeitschrift „Neuapostolische Rundschau“ hatte er auch eine wirksame Waffe, was aber auch Niehaus und Bischoff wussten und am 1. Januar 1921 deren Erscheinung verboten und ihrerseits die „Wächterstimme aus Zion“ als Mitgliederzeitschrift herausgaben.

Warum wandte sich Niehaus von Brückner ab? Ihm wurde vorgeworfen, dass er unbedingt Stammapostel werden wolle, dann soll er eine neue, eigene Lehre verkündigt haben und schliesslich liess er die Rundschau ab Januar 1921 trotz Verbot weiter erscheinen.

Apostel Brückner wurde als Irrlehrer dargestellt. Nach der Streitschrift „Kein Abfall, sondern ausgestoßen“ von Witlof wurden Brückner folgende Irrlehren unterstellt:

- Negierung der Auferstehung
- Negierung der „unbefleckten Empfängnis“
- Negierung der Wiederkunft Christi
- Vorwurf des Verachtens der Bibel
- Erklärung der Unzurechnungsfähigkeit des Stammapostels
- Verwerfung des Stammapostels

Am 17. April 1921 unterzeichnete Stammapostel Niehaus die Amtsenthebungsurkunde für Carl August Brückner. Sieben weitere Apostel unterschrieben die Urkunde. Am 5. Mai 1921 erklärten sich 89 Amtsträger mit den Aposteln Brückner und Ecke solidarisch und 6.000 Gemeindemitglieder schlossen sich ihnen an. (Im Mai 2011 feierten die ostdeutschen und einige süddeutsche Gemeinden der Apostolischen Gemeinschaft die Gründung vor 90 Jahren). Von den Ämtern waren es:

1 Apostelhelfer (Robert Brückner sen., Netzschkau)
1 Bischof (Robert Werner, Leipzig)
6 Bezirksälteste (Oskar Kießling, Dresden - Alwin Ostermann, Falkenstein - Hermann Leirer, Greiz - Otto Vollprecht, Gera - Anton Neumann, Rumburg - Emil Obst, Breslau)
3 Gemeindeälteste (J.F. Faßl, Chemnitz - Otto Freund, Greiz - Paul Schmidt, Görlitz)
5 Evangelisten (Friedrich Baumgart, Hirschberg - Robert Brückner jun., Leipzig - Hans Morgenstern, Nürnberg - Bruno Herrnsdorf, Dresden - Paul Hensel, Görlitz)
7 Hirten (Julius Radasi, München - Friedrich Pomnitz, Ölsnitz - Bernhard Kissig, Dresden - Paul Wünsch, Lauban - Hermann Müller, Neugersdorf - Franz Hockauf, Warnsdorf - Willy Schmidt, Görlitz)
und 66 Priester und Vorsteher.

Der mit Brückner solidarische Apostel Max Ecke erwähnt in seinem Rechtfertigungsbrief nach dem Ausschluss Brückners an den Stammapostel Niehaus vom 23. April 1921 (auch in der o.g. Schrift abgedruckt) vier Gründe für den Ausschluss, der ihn selbst Ende Mai 1921 traf:

- die Stellung Brückners zur Bibel
- die Stellung Brückners zur Aussonderung des Stammapostelhelfers Bischoff
- das allgemeine christliche Glaubensbekenntnis
- die Weisheitslehre

Stammapostel Niehaus beantwortete dieses Rechtfertigungsschreiben am 14. Mai 1921 mit den Worten: „Für Ihren Brief will ich mich erst bedanken, habe den aber nicht zur Hand. Den sachlich zu beantworten, ist mir nicht möglich. Meterlange Briefe kann ich überhaupt nicht sachlich beantworten, dazu fehlt mir die Zeit, weil täglich Haufen Briefe ankommen. … Doch will ich Ihnen noch Gelegenheit geben zur Willensäußerung, entweder – oder, für oder gegen, anders gibt es nicht mehr.“ Für eine derart wichtige Situation, wie sie die Situation in der Kirche 1921 war, wohl eine sehr unangemessene Antwort. Sachliche Auseinandersetzung war nicht gewünscht, „blinder Gehorsam“ wurde erwartet. Eine ähnliche Amtsführung des Stammapostels wird sich 1954 und 1955 in verschiedenen Ländern unter dem Nachfolger J.G. Bischoff wiederholen.
Versöhnungsgespräche, die von Brückner und Ecke sowohl dem Stammapostel Niehaus als auch seinem Helfer Bischoff angeboten werden, scheitern bzw. fanden aufgrund vorher von neuapostolischer Seite aufgebauter Bedingungen gar nicht erst statt. Zu den Gründen und den vergeblichen Versöhnungsgesprächen schreibt Apostel Max Ecke am 17. März 1955 in einem Brief:

„Die Spaltung bei uns im Jahre 1921 ist auch nur auf das hinterhältige Treiben von Bischoff zuwege gekommen. Es gab damals erhebliche Missstände im Werk, besonders im Bezirk Hamburg, dann die Osnabrücker Komödie und vor allem auch die vielen Träume, Gesichte und Weissagungen über den Krieg und seinen siegreichen Ausgang. … Bischoff erkannte das auch, aber er traute sich nicht, seine Kritik dem Stammapostel anzubringen. Er schrieb alles nur immer an Apostel Brückner. Dieser aber war frei und offen und brachte seine Kritik unter manchen Vorhaltungen an den Stammapostel heran. Dadurch aber kam mit der Zeit Brückner ins Hintertreffen, Bischoff aber blieb „lieb Kind“. Bischoffs stilles Streben, die Krone des Werkes einmal zu erreichen ist ihm durch mancherlei Intrigen gelungen. … Während den darauf folgenden Versöhnungsansuchen von Seiten des Dresdner Bezirks sandte Apostel Brückner zwei Brüder nach Steinhagen zum Stammapostel, wo auch grad der Apostel Bischoff anwesend war. Ich lag damals schwer krank. Während der Auseinandersetzungen zwischen dem Stammapostel und den zwei Brüdern sagte dann der Stammapostel zu den Brüdern: „Na, wir lassen jetzt alle diesbezüglichen Briefe unten den Tisch fallen und Vater und Sohn (St.ap. und Br.) versöhnen sich wieder.“ Diese zwei Brüder, die abends ins Hotel zur Übernachtung gingen, telegrafierten nach Dresden vor Freuden: „Versöhnung im Gange!“ … Als aber am anderen Morgen die beiden Brüder wieder in das haus des Stammapostels kamen, sahen sie, wie der wieder vollständig umgestimmt war. Bischoff hatte beim Stammapostel übernachtet und hatte den total umgestimmt.“

Es entstanden unabhängige reformiert-apostolische Gemeinden, die sich jedoch erst 1924 nach der Entscheidung des Reichsgerichts in der Eigentumsfrage im Reformiert-Apostolischen Gemeindebund vereinsrechtlich organisierten. Jede der 1923 ca. 80 bestehenden Ortsgemeinden trat dem Bund bei. Das oberste Leitungsorgan des RAG war das Bundeskonzil, dem Apostel C. A. Brückner als sog. Apostelältester vorstand. Am 8. Oktober 1922 wurde Brückners Bruders Robert Brückner sen. zu einem weiteren Apostel gerufen, der Älteste Alwin Ostermann zum Bischof. Im November 1923 reiste Apostel Brückner mit seiner Frau nach Südafrika und nahm Kontakt mit dem dort vor Jahren ebenfalls ausgeschlossen Apostel Carl Klibbe auf. Von Südafrika aus wollte er die Apostolic Church of Queensland von Apostel Niemeyer in Australien besuchen, erhielt aber keine Einreisegenehmigung. Am 22. August 1925 wurde in Netzschkau das erste neue, eigene Kirchengebäude eingeweiht. Auch an anderen Orten (Greiz, Zwickau, Dresden) wurden Kirchen gebaut oder gekauft. Die Zahl der Apostel im RAG erhöhte sich durch die Ordination von Alwin Ostermann 1925 auf vier. 1926/27 kam es zu einem Kontakt in die Niederlande und nach Hagen in Westfalen. In Holland war der Schwiegersohn von Apostel van Oosbree, Hendrik Jacobus Smit, im September 1925 wegen unterschiedlicher Abendmahlsauffassungen seines Amtes enthoben worden. Smit besuchte zunächst weiter die Gottesdienste der Gemeinde und wandte sich zwecks Klärung der Situation an Stammapostel Niehaus. Er berief sich dabei auf die Lehre, die der Stammapostel selbst verkündete, fand aber kein Gehör. Ab April 1926 wurde ihm dann auch der Zugang zu den Gottesdiensten der HAZEA (so hieß die NAK in den Niederlanden) verweigert. Als er dann von mehreren Geistesverwandten gebeten wurde, selbst Gottesdienste zu halten, lehnte er ab, da er von keinem Apostel mehr dazu beauftragt sei. Nach einer regen Korrespondenz mit Brückner ab Mai 1926, empfing Smit am 28. Oktober 1926 brieflich von diesem den Auftrag als Evangelist in den Niederlanden zu wirken. Der erste Gottesdienst wurde Ende Oktober/Anfang November in Enkhuizen gehalten. Am 27. August 1933 wurde er in Amsterdam von Brückner als Bischof für die 100-200 Mitglieder der niederländischen Gemeinden eingesetzt, die sich spätestens ab Mitte 1934 Hersteld Evangelische Apostolische Gemeente (HEAG) nannten, und der Zusammenschluss mit dem RAG vollzogen. 1939 wurde ein eigenes niederländisches Gesangbuch herausgegeben. Im Zuge der Spaltung der van Oosbree Gemeinden (=HAZEA) 1946/47 in den Niederlanden konnte die HEAG neue Gemeinden gründen. Im Jahre 1950 wurde Smit dann von Apostel Ecke in Hagen ebenfalls ins Apostelamt berufen. Er verstarb am 13. April 1965 im Alter von 83 Jahren in Enkhuizen.
1933 kam es in Leipzig unter Apostel Robert Brückner sen. und seinem Sohn Robert Brückner jun. zu einem Konflikt. Spannungen hatten sich bereits seit 1925 abgezeichnet, als eine Gesangbuchkommission unter R. Brückner jun. mehr Lieder aus dem landeskirchlichen Gesangbuch übernahm als vorgesehen. 1926 erschien nämlich das 1. Gesangbuch für die Reformiert-Apostolischen Gemeinden mit 704 Liedern, zwei Segensformeln und dem Vaterunser. Auch die Heilsbedeutung des Apostelamtes schien für R. Brückner jun. zunehmend unglaubwürdig. Er war Schriftleiter der „Reformiert-Apostolischen Rundschau“, die am 1. Januar 1932 in „Reformiert-Apostolische Botschaft“ umbenannt wurde, und sein Einfluss auf die Zeitschrift wurde eingeschränkt. Sein Vater hielt entschieden an der Selbstständigkeit der Einzelgemeinden des Bundes fest und forderte einen demokratischen Leitungsstil, den die neue Satzung des RAG von 1932 einschränkte. Aufgrund der politischen Umwälzungen in Deutschland kam es außerdem zu einem stärkeren Anpassungskurs des RAG an die Nationalsozialisten. Dies führte dann 1933 dazu, dass Apostel Robert Brückner sen. und sein Sohn sowie viele Mitglieder besonders der Gemeinden Leipzig und Netzschkau die Kirche verliessen und in die evangelische Landeskirche eintraten. Durch die Anpassung entging der RAG einem Verbot. Die Anpassung war allerdings auch innerhalb des Kreises der Amtsträger nicht unumstrittenen, insbesondere Apostel Friedrich Heinrichs aus Berlin, der mit seiner Gemeinde vor einigen Jahren zum RAG gestoßen war, galt als einer der großen Kritiker des Anpassungskurses.

Unter Apostel C.A. Brückner trat ab 1921 im RAG eine deutliche Liberalisierung der neuapostolischen Lehre ein. Die Vernunft wurde stärker betont und die Bibel kritisch betrachtet. Er wandte sich vehement gegen das fundamentalistische Bibelverständnis der Wort- und Buchstabenbindung der Schrift unter Stammapostel Bischoff. Brückner hingegen betonte, dass die Bibel neben Gotteswort auch Menschen- und sogar Teufelswort enthalte. Er stellte den Geist (=Vernunft) über die Bibel. Die in der NAK allgegenwärtige Endzeithoffnung trat stark zurück. Das Hauptanliegen war vielmehr die Erziehung zu praktischem Christentum. Auch wandte er sich entschieden gegen ein katholisch-orientiertes, stammapostolisches Leitungsmodell und betonte hingegen die Bedeutung des unabhängigen Apostelamtes und der kollektiven Leitung. Auch den Exklusivanspruch der Neuapostolischen Kirche gegenüber anderen Kirchen vertrat er nicht. Nicht alle seine Ideen wurden jedoch auch zum Glaubensgut der reformiert-apostolischen Gemeinden.

Der RAG hatte ab 1924 ein vier-Artikel Glaubensbekenntnis:

1. Ich glaube an Einen Gott, den allmächtigen Vater, Schöpfer Himmels und der Erde, aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge.

2. Ich glaube an den einigen Herrn Jesum Christum, den eingeborenen Sohn Gottes, von dem Vater vor aller Zeit gezeugt, Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrhaftiger Gott vom wahrhaftigen Gott, gezeugt und nicht geschaffen, Eines Wesens mit dem Vater, durch welchen alle Dinge gemacht sind, der um uns Menschen und um unserer Seligkeit willen vom Himmel herabgestiegen und Fleisch geworden ist, durch den Heiligen Geist aus Maria der Jungfrau Mensch geworden; auch gekreuzigt für uns unter Pontio Pilato. Er ist gestorben, begraben und am dritten Tage auferstanden nach der Schrift, aufgefahren gen Himmel, sitzet zur Rechten des Vaters und wird wiederkommen in Herrlichkeit, zu richten die Lebendigen und Toten. Seines Reiches wird kein Ende sein.

3. Ich glaube an den Heiligen Geist, der da Herr ist und macht lebendig; der vom Vater und dem Sohne ausgeht, der mit dem Vater und dem Sohne zugleich angebet und verherrlicht wird, der durch die Propheten und durch die Apostel geredet hat und in seiner Gemeinde bis ans Ende durch Apostel regieren, reden und wirken will.

4. Ich glaube an eine heilige allgemeine apostolische Kirche. Ich bekenne eine Taufe als das Wasserbad im Wort, ein heiliges Abendmahl zur Vergebung der Sünden und eine Heilige Versiegelung zur Heiligung des Geisteslebens und warte auf die Auferstehung des Fleisches und auf das Leben der zukünftigen Welt nach den von Jesum Christum nach der Heiligen Schrift gegebenen Verheißungen.

Der Neuanfang und die Neubesinnung des RAG wurden nach dem Krieg von Apostel Max Ecke übernommen. Am 8. August 1947 übernahm er siebzigjährig den Vorsitz des RAG von Apostel Brückner und führte diesen mit Apostel Alwin Ostermann und ab 1951 mit Apostel Paul Schmidt. Am 8. April 1949 verstarb Carl August Brückner mit 77 Jahren in Dresden. 1955 verstarb der Apostel Paul Schmidt aus Görlitz, der die Nachfolge von Apostel Max Ecke hatte antreten sollen. Dieser bat daher 1956 den Evangelisten Rudolf Ludwig nach Görlitz umzuziehen und übertrug ihm 1958 das Bischofs- und am 12. August 1962 zusammen mit Erich Rabe das Apostelamt. Am 19. November 1954 wurde Max Müller für das Vogtland zum Apostel ordiniert. Mitte der 1950er Jahre kam es in der neuapostolischen Kirche aufgrund der „Botschaft“ des Stammapostels J.G. Bischoff, Christus komme zu seinen Lebzeiten wieder, zu Ausschlüssen hochrangiger Amtsträger in einigen Ländern. Die Ausgeschlossenen nahmen Kontakt zueinander auf und gründeten 1956 in Düsseldorf die „Vereinigung der Apostel der Apostolischen Gemeinden“, deren europäische Gemeinden sich inzwischen als „Vereinigung Apostolischer Gemeinschaften“ bezeichnen und sehr enge Beziehungen pflegen. Dies war das erste und einzige Mal, dass sich apostolische Gemeinschaften zusammen schlossen und nicht trennten.

Die westdeutschen reformiert-apostolischen Gemeinden wurden - auch aufgrund der politischen Ereignisse des Kalten Krieges - mit den Gemeinden der Apostolischen Gemeinschaft von Apostel Kuhlen in Westdeutschland vereinigt. In den Niederlanden schlossen sich die 1926 entstandenen reformiert -apostolischen Gemeinden der Hersteld Evangelische Apostolische Gemeente und die 1955 gegründete Apostolische Stichting zur Apostolische Geloofsgemeenschap (ab 1980: Gemeente van Apostolische Christenen) mit den gleichberechtigten Apostel Smit und Kamphuis unter formeller Leitung von letzterem zusammen. So gab es in der europäischen Vereinigung fünf Gemeinschaften. Im Juli 1958 verstarb Apostel Ostermann. Am 22. Oktober 1961 feierte Max Ecke sein 50jähriges Aposteljubiläum und am 16. Januar 1965 verstarb er nach langer Krankheit. Apostel Ludwig übernahm auf Vorschlag von Apostel Kuhlen und mit Zustimmung der anderen RAG-Apostel den Vorsitz im Bundeskonzil. Apostel Rabe wurde Stellvertreter und Apostel Max Müller verzichtete aufgrund seiner schlechten Gesundheit auf weitere Aufgaben. Max Müller verstarb dann am 27. November 1967 auf der Heimreise von einem Gottesdienst am Totensonntag in Görlitz. 1972 erschien die 3., veränderte Auflage des Gesangbuches mit 723 Liedern, zwei Segenssprüchen und dem Vaterunser sowie Worterklärungen. 1973 wurde Kurt Kretzschmar im Vogtland und 1978 Frank Volkmer in Dresden ins Apostelamt ordiniert. Am 21. April 1974 wurde Apostel Rabe im Alter von 71 Jahren von Apostel Ludwig im Beisein der Apostel Kurt Kretzschmar (Vogtland) und Rudolf Gaßmeyer (Düsseldorf – Vorsitzender der Apostolischen Gemeinschaft) in den Ruhestand gesetzt. Er verstarb im Februar 1985, die Trauerfeier fand am 14. Februar 1985 in Chemnitz statt. Nach der Ruhesetzung von Apostel Rudolf Ludwig am 20. April 1980 übernahm Kurt Kretzschmar den Vorsitz des Reformiert-Apostolischen Gemeindebundes und am 2. Dezember 1992 trat er in den Ruhestand, er verstarb am 28. November 1996 in Netzschkau. Am 8. März 1991 verstarb Rudolf Ludwig. Er hatte über viele Jahre den RAG geprägt. Noch 1989 war die Rufung von Apostel Roland Böhm erfolgt (Ruhesetzung am 19. Oktober 2003), der zusammen mit Apostel Frank Volkmer nach der politischen Wende den RAG mit der Apostolischen Gemeinschaft zusammen führte. Im Jahre 2006 wurde Apostel Volkmer in den Ruhestand verabschiedet. Bis zur Ordination von Gert Loose aus Radeberg am 1. Juli 2007 waren die ostdeutschen Gemeinden zeitweise ohne Apostelamt aus dem eigenen Bereich. Sie wurden von Apostel Matthias Knauth aus dem Bezirk Nord-West betreut. Dieser stammt jedoch selbst aus dem RAG und wurde Anfang 1983 von Apostel Frank Volkmer gebeten in der Verwaltung des Gemeindebundes in Dresden zu arbeiten, wo er zum 1. Januar 1984 seinen hauptamtlichen Dienst aufnahm. Von 1986 bis zum Zusammenschluss des RAG mit der Apostolischen Gemeinschaft 1994 führte er die RAG-Verwaltung. Seit dem Sommer 1995 lebt er in Duisburg wo er in der größer gewordenen Gemeinschaft seit 1995 als Ältester des damaligen Bezirkes Hannover (heute Bezirk Norddeutschland) durch Bischof Komm eingesetzt wurde. In einem Festgottesdienst in Oberhausen wurde Matthias Knauth am 13. September 1998 durch Apostel Ernst Lenser als dessen Nachfolger zum Apostel für den Apostelbezirk Duisburg (heute Apostelbezirk Nord-West) eingesetzt.

Die restriktive Haltung des SED-Regimes der DDR gegenüber christlichen Glaubensgemeinschaften veranlasste die christlichen Denominationen zu einer engeren Zusammenarbeit, aus der heraus auch der RAG gute ökumenische Beziehungen zu evangelischen Landeskirchen entwickelte. Dies führte u.a. zu einer Mitgliedschaft der Apostolischen Gemeinschaft in der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Sachsen.

Nach der deutschen Wiedervereinigung wurden Wege gesucht, die beiden deutschen apostolischen Gemeinschaften, den RAG und die Apostolische Gemeinschaft, zusammenzuführen. Wegen Fristversäumnis konnte eine Vereinigung durch Verschmelzung der beiden Vereine nach dem bundesdeutschen Vereinsrecht jedoch nicht durchgeführt werden. Ein Zusammenschluss gelang daher erst 1994 durch die Auflösung des RAG und den Beitritt der 1.073 verbliebenen Mitglieder des RAG zur Düsseldorfer "Apostolischen Gemeinschaft e. V.“. Zu dieser Zeit gab es im RAG noch 99 ordinierte Mitarbeiter: 2 Apostel, 1 Bischof, 3 Älteste, 7 Hirten und 5 Evangelisten, 26 Priester sowie 55 Diakone. Die 1.073 Mitglieder verteilten sich auf die damals noch vier Bezirke wie folgt: Netzschkau 501 und Greiz 200 (heute Bezirk Vogtland) sowie Radeberg/Görlitz 172 und Dresden 200 (heute Bezirk Ostsachsen).

Es gab Überlegungen, für die "neue" Gesamtgemeinschaft einen neuen Namen einzuführen. Von den Ostdeutschen wurde vorgebracht, dass der RAG eine ältere Tradition als die AG habe und eine neue Namens­gebung der Gesamtgemeinschaft diesem Rechnung tragen sollte, da bei Weiterführung des Namens „Apostolische Gemeinschaft“ der Eindruck entstünde, es handele sich um eine Nachkriegsgründung. Außerdem solle das „Reformierte“ betont werden, da man sich stärker von der NAK abgrenzen wollte. Auch Prof. Helmut Obst der Universität Halle-Wittenberg und Kenner der apostolischen Gruppierungen sprach sich in einem Brief an Apostel Böhm aus dem Vogtland am 30. Juni 1994 für einen neuen Namen aus. Etwa zeitgleich suchte man für alle europäischen VAG-Gemeinden ebenfalls nach einem einheitlichen Namen. Ein Namensbestandteil „reformiert“ war jedoch in den Nieder­landen, wegen der dort damit verbundenen negativen Konotation, nicht möglich. Da in der Zwischenzeit einige Zeit vergangen war, wurde die Namensproblematik nicht wieder aufgerollt und alle Gemeinschaften behielten ihre bekannten Namen. Somit ist der RAG unter Aufgabe seines Namens, nicht aber seines Anliegens, nämlich die reformato­rischen Kräfte zu bündeln, in der "Apostolischen Gemeinschaft" aufgegangen. Zwar erhielt die neue Gemeinschaft nicht den Namens­bestandteil „reformiert“, inhaltlich ist sie aber tatsächlich eine reformiert-apostolische Gemeinschaft geworden. Es wurde aller­dings eine Chance auch für das „Abschneiden alter Zöpfe“ in den west­deutschen Gemeinden vertan, denn analog zur staatlichen Über­stülpung des Westsystems, blieb das westdeutsche Gemeinde­leben von der Vereinigung völlig unberührt.

Volker Wissen, Juni 2011

Literaturangaben:
- www.apwiki.de – Webseite mit apostolischen Inhalten
- Brückner, Robert: Offener Brief an die Apostel des Neuapostolischen Gemeindeverbandes, Leipzig 1921
- Bundeskonzil des Reformiert-Apostolischen Gemeindebundes: „Die Geschichte und Verfassung der Reformiert--Apostolischen Gemeinde“ in Reformiert-Apostolische Botschaft, 42. und 43. Jhrg., 1936 und 1937
- Diersmann, Edwin: Die Geschichte und Entwicklung der HEAG in: Kirche auf dem Weg, 3. Tagungsband des Netzwerkes Apostolische Geschichte, Bielefeld 2010, ISBN 978-3-93929-106-0
- Ecke, Max: Brief vom 17. März 1955 an Karl Njammasch
- Kegler, Thomas: Einige wichtige Daten aus der Chronik der Gemeinde Netzschkau in: Aufbau, Ausbau, Trennungen, 2. - Tagungsband des Netzwerkes Apostolische Geschichte, Nürtingen 2009
- Obst, Helmut: Apostel und Propheten der Neuzeit, Berlin 1990
- Wissen, Volker: Zur Freiheit berufen – ein Portrait der VAG und ihrer Gliedkirchen, Remscheid 2008, ISBN 978-3-86870-030-5
- Witlof: Kein Abfall, sondern ausgestoßen, Leipzig 1921
- Witlof: Durch Nacht zum Licht, Dresden 1921

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