Klinikweihnacht

Seit einigen Jahren hat es sich so ergeben, dass ich Rahmen der jährlichen Weihnachtsfeier für Angestellten und Patienten in der Klinik, dort ist mein Tätigkeitsfeld, einige Gedanken äußern kann. Es spricht jeweils die Klinikseelsorgerin, der Direktor, und ich darf auch etwas sagen. Nachfolgend die Gedanken zu Weihnachten.
»Sehr geehrte Herren Professoren, liebe Patienten und Mitarbeiter!
Es ist für mich immer eine Herausforderung, hier jedes Jahr einige Gedanken zur Weihnacht zu äußern. Vor einiger Zeit fragte mich der Direktor, ob ich die Rede schon im Kasten hätte. Ich hatte sie nicht. -
Es hat mich beschäftigt, etwas anzusprechen, was für uns alle, für Sie, wichtig wäre. - Aber ich kam irgendwie nicht weiter.
Dann hatte ich eine Vision - oder wie man das nennt.
Doch bevor ich davon berichte und mich vielleicht dabei in der Zeit oder dem Thema verliere, möchte ich Ihnen bereits an dieser Stelle ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein gutes Neues Jahr wünschen.
Nun zu meiner Vision, meiner Begegnung.
In Schwabing, nahe der Münchner Freiheit, traf ich jemanden, der mich fragte: Was grübelst du so. Geht es dir nicht gut?
Ich war so irritiert, dass mich das Du nicht verwunderte. Im Gegenteil, ich merkte gar nicht, dass ich im Laufe des weiteren Gespräches, dieses Du ebenfalls benutzte.
Ich antwortete: Ich soll eine Rede zu Weihnachten in der Klinik halten und weiß nicht, was ich sagen soll.
Er bohrte weiter: Worüber willst du denn reden, über das Weihnachtsfest, über den Rummel, über die Geschenke, oder über was?
Ich fragte irritiert:; Was geht das dich an? Wer bist du überhaupt? Warum fragst du mich? Ich wüsste nicht, dass wir uns kennen
. Daraufhin sagte er, und das überzeugend:
Ich bin das Christkindlein, dass du zu Weihnachten immer feierst
. Das fand ich natürlich albern und antwortete:
Das kann überhaupt nicht sein, Ich kenne dich nur in der Krippe, im Stroh, und da bist du immer sehr klein, hilfsbedürftig, arm und nackt. Und wieso bist du hier in Schwabing?
Das ist tatsächlich ein Problem, sagte er. Du, oder besser ihr, ihr hättet es am liebsten, dass ich so klein geblieben wäre. Aus der Bibel wisst ihr, dass ich als Erwachsener zu vielen Dingen des Lebens grundlegende Gedanken geäußert habe. Übrigens ließ ich euch wissen, dass ich bei euch bleiben würde bis an das Ende der Zeit.
Na gut, meinte ich, zu damaliger Zeit waren deine Gedanken vielleicht gar nicht so schlecht; manchmal waren sie sogar fast revolutionär. Aber heute… Wir leben in einer ganz anderen Zeit und haben von daher mit ganz anderen Dingen zu tun.
Der Fremde, mir inzwischen irgendwie vertraut, reagierte: Meinst du wirklich?
Jetzt wurde ich mutig und dachte, versuchen kann ich es ja einmal:Unsere Probleme liegen zur Zeit darin, dass wir in großer Sorge sind, meinte ich. Unser Gesundheitssystem, unsere Arbeitssituation, der zunehmende Vertrauensverlust, das alles macht uns zu schaffen. Was sagst du denn dazu?
Guter Freund, ich weiß nicht, wie gut du dich in der Bibel auskennst. Aber die Sorge war immer schon ein Problem, genauso wie die Angst. Damals musste ich schon sagen:
Alle eure Sorge werft auf Gott, er wird es wohl machen.
Wenn mein Vater im Himmel schon die Vögel unter dem Himmel und die Lilien auf dem Felde versorgt, wie viel mehr erst seine Kinder. Außerdem habe ich mit Nachdruck an das Gesetz, zum Beispiel an die notwendige Feiertagsruhe, die Sabbatruhe, den Sonntag erinnert. Später habe ich durch meinen Apostel allen sagen lassen. ›Werft euer Vertrauen nicht weg, welches ein große Belohnung hat‹. Damit war und ist die Zukunft, die bleibende Zukunft gemeint. - Wie ich es sehe, merkt ihr erst jetzt, dass ihr so an die Grenzen eurer eigenen Kraft kommt. Irgendwie wird so allmählich wohl auch von euch wieder Glauben gefordert. Das, was ich schon damals sagte, gilt auch heute.
Hört sich zwar alles gut, aber doch sehr theoretisch an, erlaubte ich mir dann mutiger werdend zu sagen. Unsere weltweite Kriegssituation, das zunehmende Gewaltpotential, die Zukunftslosigkeit, ja Angst wird immer bedrängender.
Auffallend nachsichtig äußerte sich jetzt mein Gegenüber:
Also, ich musste schon damals verkünden: In der Welt habt ihr Angst, doch ich habe die Welt für euch überwunden. Über den Frieden hatten wir damals auch schon gesprochen und ganz erhebliche Meinungsverschiedenheiten gehabt. Ich musste klarstellen, dass euer Frieden eine andere Qualität hat.
So habe ich euch euren Frieden belassen, aber meinen dazugeben. Dieser göttliche Frieden, und um den geht es ja, hat eine andere Größe. Er ist kein Zustand, sondern ein Geschehen, ähnlich wie es die Liebe ist. Frieden, Liebe, Hoffnung, Geduld, das sind alles Aktivitäten. Darin solltet ihr wieder fit werden, es durchaus mal wieder probieren. Meinem Paulus habe ich schreiben lassen: So viel an euch ist, habt Frieden mit allen.
Ich versuchte noch einmal eine Gegenrede:
Es gibt keine richtige Freude mehr. Zwar ist oft vorübergehend eine Fröhlichkeit vorhanden, doch kommt dann immer wieder der tiefe Fall. - Echte, tiefe Freude ….
Die kann gar nicht eintreten, unterbrach mich mein Gesprächspartner.
Und warum nicht, wollte ich nun doch wissen.
Damals hatte ich gesagt - es steht übrigens noch immer in der Bibel -, das ist mein Gebot an euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe, ich meine, euch achtet, ehrt und als Geschöpf Gottes behandelt. Das sagte ich euch, damit ich in euch bleibe und eure Freude vollkommen werde. -
Ich schwieg. - Er merkte meine Betroffenheit.
Ach, erinnere doch deine Zuhörer in deiner Rede einfach an die Weihnachtsbotschaft und wie es dort heißt: Fürchtet euch nicht … ich verkündige euch eine große Freude … die dem ganzen Volk zuteil werden soll. Euch ist der Heiland, der Retter geboren … und Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade -.
Erinnere sie einfach daran! Dann hast du genug gesagt. ---
Nun, meine Zuhörer, das habe ich soeben getan.
übrigens hoffe ich sehr darauf, ihn noch häufiger zu treffen.
Ich habe noch viele Fragen, und sicher treffen Sie ihn auch bald, irgendwo in Schwabing oder am Stachus oder sogar am Hauptbahnhof.
Dann fragen Sie ihn einfach.«

Rainer Spree

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